Von Berlin bis Kampala: Gesundheit neu global denken
Die Covid-19-Pandemie zeigte, dass für schnelle Lösungen manchmal Strukturen neu geschaffen werden müssen.
Bildquelle: Alexandre C. Fukugava/Pixabay
Globale Gesundheit erfordert globale Zusammenarbeit: Mit ihrer Initiative Global Health fördert die Berlin University Alliance interdisziplinäre Forschung zu zentralen Herausforderungen wie Impfstoffen, Antibiotikaresistenzen oder alternden Gesellschaften. In enger Kooperation mit Partnern weltweit entstehen neue Ansätze, die technologische Innovationen mit den Bedürfnissen der Menschen verbinden.
Die Covid-19-Pandemie hat eindrücklich gezeigt, dass Gesundheit keine Grenzen kennt – weder nationale, noch soziale oder disziplinare. Nur 22 Tage hatte es Anfang 2020 gedauert von der ersten Meldung über ein neuartiges Virus in China bis zur ersten Infektion in Deutschland. Während sich die Krankheit international immer schneller ausbreitete und bereits hunderte Todesopfer forderte, brachen zwei Monate nach Ausbruch die Börsenkurse ein. Die Situation erforderte schnelles Handeln und ermöglichte etwas, das vorher undenkbar war: Bestehende Strukturen wurden aufgebrochen. Plötzlich bildeten sich in Windeseile fächer- und branchenübergreifende Allianzen zur Herstellung eines Impfstoffs, Bürokratie wurde kurzfristig abgebaut und Zulassungsverfahren verkürzt. So führte uns die Pandemie vor Augen, dass Gesundheit keine nationale, eindimensionale Aufgabe ist, sondern eine globale und interdisziplinäre.
Bereits vor der Pandemie hat die Berlin University Alliance die globale Gesundheit, Global Health, als eine der großen Herausforderungen unserer Zeit identifiziert. Im Rahmen der Grand Challenges Initiative fördert sie mit über 7,2 Millionen Euro insgesamt 5 interdisziplinäre Exploration Projects sowie ein strategisches Projekt, die Lösungen für globale Gesundheitsprobleme suchen. Inhaltlich beschäftigen sich die Projekte dabei etwa mit alternden Gesellschaften in urbanen Regionen, geschlechterspezifischen Bedürfnissen migrantischer Menschen oder der Resistenzentwicklung von Antibiotika.
Ein besonderer Schwerpunkt der Forschungsinitiative Global Health ist die Kollaboration mit Partnerinstitutionen auf der ganzen Welt – und insbesondere im sogenannten „Globalen Süden“. Diese Kooperationen seien zentral, betont die promovierte Gesundheitsforscherin Hanna-Tina Fischer. „Internationale Zusammenarbeit ist keine Option, sondern inhaltlich wie institutionell unverzichtbar“, sagt sie. „Viele Länder verfügen über langjährige Erfahrung im Umgang mit Epidemien oder community-basierten Gesundheitsansätzen.“ Gleichzeitig seien auch Länder im ‚Globalen Norden‘ zunehmend mit Fragilitäten konfrontiert – etwa in Lieferketten oder in Fragen gesellschaftlicher Akzeptanz. „Lernen verläuft also in beide Richtungen“, so die Expertin für Globale Gesundheit.
Seit Januar 2026 forscht Fischer in der Einstein Research Unit „Technologies in Global Health – From innovation to users (and back)“, die von der BUA und der Einstein Stiftung Berlin gefördert wird. Gemeinsam mit sieben akademischen Partnerinstitutionen in Ghana, Tansania und Uganda untersuchen die Forscher*innen des Konsortiums, wie neue Technologien in den Bereichen Impfstoffe, antimikrobielle Resistenz und psychische Gesundheit entwickelt, erprobt, angepasst und umgesetzt werden können. Einen besonderen Fokus legen sie dabei auf die Nutzer*innen dieser Gesundheitstechnologien, um herausarbeiten, welche Faktoren bei der Anwendung funktionieren und welche sie hemmen.
Doch, so essenziell diese Zusammenarbeit ist, steht sie vor strukturellen Herausforderungen, mahnt Fischer: „Forschungsfragen, Förderbedingungen und Publikationsstrukturen sind häufig noch stark im ‚Globalen Norden‘ verankert. Hinzu kommt in Deutschland eine besondere Spannung: Viele Fördermittel für Forschung – auch im Bereich Global Health – sollen primär im Inland verausgabt werden, da es sich um Steuermittel handelt.“ Das sei zwar nachvollziehbar, stoße bei globalen Gesundheitsfragen jedoch an Grenzen. „Wenn Forschung dort, wo Risiken entstehen, nur eingeschränkt finanziert werden kann, erschwert das nicht nur echte Partnerschaft, es schwächt auch die Qualität und Relevanz der Erkenntnisse selbst“, so Fischer. „Dabei wird oft übersehen, dass Investitionen in internationale Forschung auch zur eigenen Vorsorge beitragen – etwa durch bessere Vorbereitung auf Pandemien, stabilere Lieferketten oder frühzeitige Erkenntnisse über neue Risiken.“ Internationale Forschung sei daher nicht nur eine Frage globaler Solidarität, sondern auch strategischer Weitsicht, betont die Gesundheitsforscherin.
Doch auch über die Initiative Global Health hinaus ist Gesundheit in der Forschung der Berlin University Alliance präsent. So untersuchte etwa das Projekt „Inclusive Food System Transitions“ im Rahmen der Grand Challenge Social Cohesion, wie sozialer Zusammenhalt mit Ungleichheit und Anfälligkeiten im Ernährungssystem und damit einhergehenden gesundheiltlichen Fragen verknüpft ist. Perspektiven aus den Sozial- und Politikwissenschaften, der Ernährungs- und Innovationssystemforschung, der Lebensmitteltechnologie sowie den Medizin- und Ernährungswissenschaften wurden dabei integriert. Aufbauend auf den Erkenntnissen startete daraufhin einer der Forschenden aus diesem Projekt, Tilman Brück von der Humboldt Universität Berlin (HU Berlin), gemeinsam mit Forscherinnen von der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) und dem Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) eine neue Studie. Anhand einer anonymen Online-Umfrage wollen sie herausfinden, wie verschiedene Ansätze der Klimakommunikation von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.
Mit ihrer neuen Initiative One Health wird die BUA künftig sogar noch einen Schritt weiter gehen – und betrachten, wie Menschen, Tiere und Umwelt als Bereiche ineinandergreifen, etwa wenn sich Krankheiten von Tieren auf Menschen übertragen, Umweltveränderungen Lebensbedingungen und Gesundheit beeinflussen und menschliches Handeln wiederum auf Ökosysteme zurückwirkt. One Health betrachtet Gesundheit als Zusammenspiel biologischer, ökologischer und sozialer Faktoren und schließt daher auch eine enge Zusammenarbeit mit Disziplinen wie Umwelt- und Veterinärwissenschaften ein. Die Partizipation der Gesellschaft wird dabei weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Denn Bürger*innen liefern Wissen über Alltagspraktiken, Mobilität, Tierhaltung, Arbeitsbedingungen oder Gesundheitsverhalten. All das sind Faktoren, die maßgeblich beeinflussen, wie sich Krankheitserreger ausbreiten und wie Schutzmaßnahmen wirken – und sind daher essenziell für künftige Forschung.

