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Gemeinsam Lösungen schaffen: Partizipative Forschung für eine Welt im Wandel

Globale Krisen, Klimawandel, KI und gesellschaftliche Polarisierung: Unsere Welt verändert sich rasant – und viele Herausforderungen hängen enger zusammen, als es zunächst scheint. Forschende der Berlin University Alliance suchen deshalb interdisziplinär nach Lösungen für diese großen Herausforderungen unserer Zeit. Ein Schlüssel dabei: die aktive Einbindung von Bürger*innen, damit wissenschaftliche Innovationen auch im Alltag wirken.

Treibhausgas-Emissionen, die durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas entstehen, sind die primären Treiber des Klimawandels.

Treibhausgas-Emissionen, die durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas entstehen, sind die primären Treiber des Klimawandels.
Bildquelle: Kanenori/Pixabay

Spätestens seit der Covid-19-Pandemie wurde deutlich: Die Welt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Gesundheitskrisen verbreiten sich immer schneller, der Klimawandel sorgt mittlerweile auch in Deutschland für Extremtemperaturen und Überschwemmungen und das rasante Aufkommen von Künstlicher Intelligenz macht es immer schwieriger zu beurteilen, was echt ist und was nicht. Währenddessen beobachten wir, wie sich Gesellschaften polarisieren, Wissenschaft angezweifelt wird und Klimaziele immer weiter abgeschwächt werden. Seit Februar 2026 gelten etwa klimaschädliche Treibhausgase, die durch das Verbrennen von fossilen Stoffen wie Kohle, Öl und Gas entstehen, in den USA offiziell nicht mehr als gesundheitsgefährdend – was negative Auswirkungen auf den Klimaschutz hat. Und auch jüngste Änderungen in Europa, wie etwa die Rücknahme des Verbrenner-Aus ab 2035 zugunsten der Hersteller, beeinträchtigen den öffentlichen Diskurs. 

All diese Veränderungen und Transformationen werfen grundlegende Fragen auf. Der Fakt, dass viele Entwicklungen gleichzeitig passieren und einander beeinflussen, macht deutlich, dass Lösungen nicht isoliert gedacht werden können. So kann ein heißeres Klima neue Infektionskrankheiten fördern, weil sich etwa Krankheitsüberträger wie Mücken bei höheren Temperaturen schneller vermehren. Migration, Globalisierung und neue Lieferketten führen dazu, dass Krankheiten sich schneller global ausbreiten. Eine zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit gestaltet es potenziell schwieriger, Lösungen wie Impfstoffe oder Klimaschutzmaßnahmen anzuwenden. Folglich müssen ökologische, soziale und technologische Fragen gemeinsam betrachtet und neu verknüpft werden.

In der Berlin University Alliance (BUA) arbeiten Forscher*innen fächer- und institutionsübergreifend daran, nachhaltige Lösungen für diese großen Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Im Mittelpunkt stehen fünf Themen, die im Rahmen der „Grand Challenges Initiative“ auf Basis der globalen Veränderungen identifiziert wurden: sozialer Zusammenhalt, globale Gesundheit, verantwortungsvolle Innovationen, Quantentechnologien und der Klimawandel. In Laboren und Forschungseinrichtungen erheben die Forschungsteams Daten, analysieren Probleme und entwickeln neue Methoden und Technologien. Doch der entscheidende Schritt liegt am Ende dieser Forschungskette: der Transfer in die gesellschaftliche Praxis. Dieser gelingt nur dann nachhaltig, wenn die Bevölkerung einbezogen wird:

Wie gelingt es, dass sich eine Bevölkerung von einer neuen Impfung überzeugen lässt? Welche besonderen Bedürfnisse haben Menschen mit Behinderung, wenn es um Maßnahmen zur Anpassung an Überschwemmungen infolge der Klimakrise geht? Wie kann sozialer Zusammenhalt in einer sich polarisierenden Gesellschaft bewahrt werden? Unter welchen Bedingungen lassen sich Methoden der digitalen Pflege in einer alternden Bevölkerung etablieren? Welche sozialrelevanten Probleme lassen sich mit Quantentechnologien angehen?

Die Perspektiven und Erfahrungen von Bürger*innen liefern unverzichtbare Erkenntnisse darüber, wie wissenschaftliche Lösungen im Alltag angenommen und umgesetzt werden können. So verrät etwa ihr Nutzungsverhalten vieles darüber, ob eine Technologie so, wie sie in der Theorie konzipiert ist, auch in der Praxis funktioniert. Gleichzeitig erhalten Akteur*innen, die bei gesellschaftlichen Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen mitunter zu kurz kommen, eine Stimme. So macht partizipative Forschung Menschen zu Partner*innen in wissenschaftlichen Prozessen, stellt Vertrauen her und sorgt damit für tragfähige Lösungen. 

Die Grand Challenges

Im Mittelpunkt der Forschung der Verbundpartnerinnen der Berlin University Alliance (BUA), Freie Universität Berlin, Humboldt Universität zu Berlin, Technische Universität Berlin und Charité – Universitätsmedizin, stehen die großen Herausforderungen unserer Zeit: Social Cohesion, Global Health, Responsible Innovation in Times of Transformation, Climate and Water under Change und Quantum Technologies – die Grand Challenges. Gemeinsam mit Akteur*innen des Berliner Ökosystem entwickelt die BUA nachhaltige Lösungsansätze über institutionelle und disziplinäre Grenzen hinweg. Ziel ist es, Forschung strategisch zu bündeln und den integrierten Berliner Forschungsraum weiterzuentwickeln.

Die Themen der Grand Challenges wurden auf Basis von Expert*innenteams des Exzellenzverbunds sowie im Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft entwickelt. Zwei Förderlinien unterstützen die Umsetzung: Exploration Projects zur Erprobung neuer Themen, Projekte und Netzwerke sowie Einstein Research Units für groß angelegte, interdisziplinäre Verbundprojekte. Bislang wurden 87 Projekte gefördert.

Von Berlin bis Kampala: Gesundheit neu global denken

Die Covid-19-Pandemie zeigte, dass für schnelle Lösungen manchmal Strukturen neu geschaffen werden müssen.

Die Covid-19-Pandemie zeigte, dass für schnelle Lösungen manchmal Strukturen neu geschaffen werden müssen.
Bildquelle:  Alexandre C. Fukugava/Pixabay

Globale Gesundheit erfordert globale Zusammenarbeit: Mit ihrer Initiative Global Health fördert die Berlin University Alliance interdisziplinäre Forschung zu zentralen Herausforderungen wie Impfstoffen, Antibiotikaresistenzen oder alternden Gesellschaften. In enger Kooperation mit Partnern weltweit entstehen neue Ansätze, die technologische Innovationen mit den Bedürfnissen der Menschen verbinden.

Die Covid-19-Pandemie hat eindrücklich gezeigt, dass Gesundheit keine Grenzen kennt – weder nationale, noch soziale oder disziplinare. Nur 22 Tage hatte es Anfang 2020 gedauert von der ersten Meldung über ein neuartiges Virus in China bis zur ersten Infektion in Deutschland. Während sich die Krankheit international immer schneller ausbreitete und bereits hunderte Todesopfer forderte, brachen zwei Monate nach Ausbruch die Börsenkurse ein. Die Situation erforderte schnelles Handeln und ermöglichte etwas, das vorher undenkbar war: Bestehende Strukturen wurden aufgebrochen. Plötzlich bildeten sich in Windeseile fächer- und branchenübergreifende Allianzen zur Herstellung eines Impfstoffs, Bürokratie wurde kurzfristig abgebaut und Zulassungsverfahren verkürzt. So führte uns die Pandemie vor Augen, dass Gesundheit keine nationale, eindimensionale Aufgabe ist, sondern eine globale und interdisziplinäre. 

Bereits vor der Pandemie hat die Berlin University Alliance die globale Gesundheit, Global Health, als eine der großen Herausforderungen unserer Zeit identifiziert. Im Rahmen der Grand Challenges Initiative fördert sie mit über 7,2 Millionen Euro insgesamt 5 interdisziplinäre Exploration Projects sowie ein strategisches Projekt, die Lösungen für globale Gesundheitsprobleme suchen. Inhaltlich beschäftigen sich die Projekte dabei etwa mit alternden Gesellschaften in urbanen Regionen, geschlechterspezifischen Bedürfnissen migrantischer Menschen oder der Resistenzentwicklung von Antibiotika. 

Ein besonderer Schwerpunkt der Forschungsinitiative Global Health ist die Kollaboration mit Partnerinstitutionen auf der ganzen Welt – und insbesondere im sogenannten „Globalen Süden“. Diese Kooperationen seien zentral, betont die promovierte Gesundheitsforscherin Hanna-Tina Fischer. „Internationale Zusammenarbeit ist keine Option, sondern inhaltlich wie institutionell unverzichtbar“, sagt sie. „Viele Länder verfügen über langjährige Erfahrung im Umgang mit Epidemien oder community-basierten Gesundheitsansätzen.“ Gleichzeitig seien auch Länder im ‚Globalen Norden‘ zunehmend mit Fragilitäten konfrontiert – etwa in Lieferketten oder in Fragen gesellschaftlicher Akzeptanz. „Lernen verläuft also in beide Richtungen“, so die Expertin für Globale Gesundheit.

Seit Januar 2026 forscht Fischer in der Einstein Research Unit „Technologies in Global Health – From innovation to users (and back)“, die von der BUA und der Einstein Stiftung Berlin gefördert wird. Gemeinsam mit sieben akademischen Partnerinstitutionen in Ghana, Tansania und Uganda untersuchen die Forscher*innen des Konsortiums, wie neue Technologien in den Bereichen Impfstoffe, antimikrobielle Resistenz und psychische Gesundheit entwickelt, erprobt, angepasst und umgesetzt werden können. Einen besonderen Fokus legen sie dabei auf die Nutzer*innen dieser Gesundheitstechnologien, um herausarbeiten, welche Faktoren bei der Anwendung funktionieren und welche sie hemmen.

Doch, so essenziell diese Zusammenarbeit ist, steht sie vor strukturellen Herausforderungen, mahnt Fischer: „Forschungsfragen, Förderbedingungen und Publikationsstrukturen sind häufig noch stark im ‚Globalen Norden‘ verankert. Hinzu kommt in Deutschland eine besondere Spannung: Viele Fördermittel für Forschung – auch im Bereich Global Health – sollen primär im Inland verausgabt werden, da es sich um Steuermittel handelt.“ Das sei zwar nachvollziehbar, stoße bei globalen Gesundheitsfragen jedoch an Grenzen. „Wenn Forschung dort, wo Risiken entstehen, nur eingeschränkt finanziert werden kann, erschwert das nicht nur echte Partnerschaft, es schwächt auch die Qualität und Relevanz der Erkenntnisse selbst“, so Fischer. „Dabei wird oft übersehen, dass Investitionen in internationale Forschung auch zur eigenen Vorsorge beitragen – etwa durch bessere Vorbereitung auf Pandemien, stabilere Lieferketten oder frühzeitige Erkenntnisse über neue Risiken.“ Internationale Forschung sei daher nicht nur eine Frage globaler Solidarität, sondern auch strategischer Weitsicht, betont die Gesundheitsforscherin.

Doch auch über die Initiative Global Health hinaus ist Gesundheit in der Forschung der Berlin University Alliance präsent. So untersuchte etwa das Projekt „Inclusive Food System Transitions“ im Rahmen der Grand Challenge Social Cohesion, wie sozialer Zusammenhalt mit Ungleichheit und Anfälligkeiten im Ernährungssystem und damit einhergehenden gesundheiltlichen Fragen verknüpft ist. Perspektiven aus den Sozial- und Politikwissenschaften, der Ernährungs- und Innovationssystemforschung, der Lebensmitteltechnologie sowie den Medizin- und Ernährungswissenschaften wurden dabei integriert. Aufbauend auf den Erkenntnissen startete daraufhin einer der Forschenden aus diesem Projekt, Tilman Brück von der Humboldt Universität Berlin (HU Berlin), gemeinsam mit Forscherinnen von der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) und dem Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) eine neue Studie. Anhand einer anonymen Online-Umfrage wollen sie herausfinden, wie verschiedene Ansätze der Klimakommunikation von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Mit ihrer neuen Initiative One Health wird die BUA künftig sogar noch einen Schritt weiter gehen – und betrachten, wie Menschen, Tiere und Umwelt als Bereiche ineinandergreifen, etwa wenn sich Krankheiten von Tieren auf Menschen übertragen, Umweltveränderungen Lebensbedingungen und Gesundheit beeinflussen und menschliches Handeln wiederum auf Ökosysteme zurückwirkt. One Health betrachtet Gesundheit als Zusammenspiel biologischer, ökologischer und sozialer Faktoren und schließt daher auch eine enge Zusammenarbeit mit Disziplinen wie Umwelt- und Veterinärwissenschaften ein. Die Partizipation der Gesellschaft wird dabei weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Denn Bürger*innen liefern Wissen über Alltagspraktiken, Mobilität, Tierhaltung, Arbeitsbedingungen oder Gesundheitsverhalten. All das sind Faktoren, die maßgeblich beeinflussen, wie sich Krankheitserreger ausbreiten und wie Schutzmaßnahmen wirken – und sind daher essenziell für künftige Forschung.

Die Grand Challenges Konferenz

Grand Challenges Konferenz

Grand Challenges Konferenz
Bildquelle: Grand Challenges Konferenz/ BUA

Unter dem Titel „Joint Research for Better Futures“ kommen rund 300 Teilnehmende vom 23. bis zum 25. März 2026 im Berliner Futurium zusammen, um Wege in eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln. Im Zentrum der Konferenz stehen fünf große Herausforderungen unserer Zeit – die Grand Challenges: globale Gesundheit, sozialer Zusammenhalt, Klima und Wasser im Wandel, Quantentechnologien und verantwortungsvolle Innovation in Zeiten des Wandels. 

Auf über 20 Sessions geben Forschende spannende Einblicke in ihre Arbeit und teilen die Ergebnisse ihrer Forschung. Prominente Key Speaker bieten darüber hinaus neue Perspektiven, wie die komplexen Probleme unserer Zeit angegangen werden können. So spricht etwa Transformationsforscherin Maja Göpel über positive soziale Kipppunkte, Gesellschaftswissenschaftlerin Naika Foroutan über die Zukunft von sozialem Zusammenhalt und der Physiker Jerry Chow über Quantentechnologien.

Neben inspirierenden Keynotes, spannenden Diskussionen und Einblicken in die exzellente Forschung von Expert*innen aus unterschiedlichsten Disziplinen erwartet die Teilnehmenden reichlich Raum zum Vernetzen, Planen und Austauschen.