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Fellow Spotlight: Luciano Santander

Photo courtesy Luciano Santander

Photo courtesy Luciano Santander

2019 erlebte Luciano Santander Hoces in Santiago de Chile, wie sich rechte Politik nach Massenprotesten radikalisierte und eine Verfassungskrise auslöste. Seit seinem Umzug nach Berlin im Jahr 2021 hat diese Erfahrung die Forschung im Rahmen seiner Promotion zur politischen Soziologie an der Freien Universität Berlin geprägt. 2025 ist sein gemeinsam mit Soziologin Nina Lotze von der Universität Sheffield verfasster Artikel „Positionalities of elitist complicity: Building rapport and reducing asymmetries in interviewing the neoliberal right in Chile, Germany, and the UK,“ im European Journal of Cultural and Political Sociology erschienen.

Der Artikel ist das Ergebnis jahrelanger epistemologischer und methodischer Reflexionen, die im Verlauf von Santanders kürzlich abgeschlossener Promotion entstanden sind. In seinen Worten untersucht die Publikation, „wie Forschende mit ideologischen Asymmetrien, Vertrauen und Komplizenschaft umgehen, wenn sie in polarisierten und oft feindseligen Kontexten Interviews mit rechten und rechtsextremen Eliten führen“. Zur Untermauerung seiner Forschungsergebnisse führte Santander Feldforschung in Chile durch. Ziel der Arbeit sei es, praktische und ethische Orientierung dafür zu bieten, „Wissen über Akteure zu generieren, die demokratische Gleichheit häufig ablehnen, deren Perspektiven als Forschungsteilnehmende dennoch ernst genommen werden müssen“. In dem Artikel zeigen die Autor:innen, wie eine kontinuierliche Reflexion gemeinsamer Positionalitäten es ihnen ermöglichte, ein vertrauensvolles Verhältnis zu rechtsextremen Eliten aufzubauen, dabei jedoch sorgfältig zwischen der Humanisierung der Befragten und der Legitimation ihrer Ideologien zu unterscheiden.

Nachdem er zuvor sowohl im privaten Sektor als auch an öffentlichen Universitäten in Santiago de Chile tätig war, fand Santander in Berlin ein internationales Umfeld vor, das ihm ideale Voraussetzungen bot, um über die Radikalisierung politischer Eliten in Chile zu reflektieren. Seine momentane Tätigkeit als Doktorand am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin verbindet Forschung, Lehre und öffentliche Wissenschaftskommunikation in der politischen Soziologie und der Erforschung der extremen Rechten, mit einem starken Fokus auf qualitative Methoden.

Über das X-Student Research Group Programm erhielt Santander eine Förderung der BUA, um das Seminar „Comparative and Empirical Research on the Global Far Right“ zu konzipieren und durchzuführen. Dabei verbanden Studierende empirische Forschung zur extremen Rechten in Europa und Lateinamerika mit vertieften Diskussionen über die ethischen Herausforderungen der Erforschung extremistischer Akteure in Zeiten gefährdeter Demokratien auf mehreren Kontinenten. „Die Studierenden setzten sich intensiv mit Fragen von Zugang, Sicherheit, Positionalität und Verantwortung in der Forschung zu umstrittenen und teils gewaltbereiten Bewegungen auseinander“, berichtete Santander.

Die X-Student Research Groups sind Teil der Förderlinie Student Research Opportunities Program (StuROPx) der BUA. Sie unterstützen forschungsorientierte Lehrformate, die von Nachwuchswissenschaftler:innen geleitet werden, und ermöglichen Studierenden frühe Forschungserfahrungen bei gleichzeitiger Verzahnung von Lehre und Forschungspraxis. Nach Einschätzung Santanders habe die X-Student Research Group „einen Raum geschaffen, in dem Forschung, Lehre und methodische Reflexion eng miteinander verbunden sind und in dem Nachwuchsforschende und Studierende gemeinsam bessere Forschungspraktiken für schwierige Themen entwickeln können“.

Nicht nur Berlins vielfältige Wissenschaftslandschaft war zentral für Santanders Entscheidung, hier zu leben. Ihn fasziniert die Stadt auch als lebendiger politischer und kultureller Ort mit „einer langen Geschichte der Auseinandersetzung mit schwierigen Vergangenheiten und umkämpften Gegenwarten“. „Für jemanden, der zur extremen Rechten, zu Demokratie und Ungleichheit arbeitet, ist diese Stadt zugleich inspirierend und herausfordernd“, so Santander. Debatten über Rechtsextremismus und Autoritarismus sind hier nicht abstrakt, sondern in Institutionen, im Stadtbild und alltäglichen sozialen Beziehungen verankert.“

Auf persönlicher Ebene nennt Santander das Tempelhofer Feld seinen Lieblingsort in Berlin, wo er fast täglich mit seinen Hunden spazieren geht und dabei fast immer etwas Neues beobachten oder entdecken kann.