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Berlin als Anker für Forschung und beruflichen Neustart in Sicherheit

Fakultät für Freie Künste und Wissenschaften der Staatlichen Universität Sankt Petersburg (auch als Smolny College bekannt) im historischen Gebäude des Bobrinski-Palastes.

Fakultät für Freie Künste und Wissenschaften der Staatlichen Universität Sankt Petersburg (auch als Smolny College bekannt) im historischen Gebäude des Bobrinski-Palastes.
Bildquelle: Wikimedia 

Nikolay B.* ist Sozialwissenschaftler und kommt ursprünglich aus Sankt Petersburg Etwa ein Jahr nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, als ihm bewusst wurde, dass sie nicht länger freie Werte fördern konnten, traf er mit seiner Familie die Entscheidung, ihr Heimatland zu verlassen. Im Juli 2025 kam er schließlich über die Philipp-Schwartz-Initiative für bedrohte Forscher*innen nach Berlin, wo er heute als Gastwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Sozialwissenschaft forscht. 

Zahra ist IT-Spezialistin aus Kabul, Afghanistan. 2018 kam sie über das Stipendium für Afghanen an die TU Berlin und absolvierte dort ihren Master. Danach kehrte sie zurück nach Afghanistan und arbeitete dort im Präsidentenbüro. Als die Taliban 2021 die Macht ergriffen, holte die TU sie mithilfe des „Bridge IT“-Programms zurück nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Entwicklungsingenieurin bei der Deutschen Bahn. 

Im Interview erzählen die beiden über ihre Entscheidung, ihr Heimatland zu verlassen, ihr Ankommen in Berlin und was Wissenschaftsfreiheit für sie bedeutet. 


Nikolay B., du hast über 12 Jahre lang am Smolny College geforscht – ein gemeinsam mit dem Bard College und der St Petersburg State University aufgebautes Liberal-Arts-Programm, das für akademische Offenheit und kritisches Denken stand. Was war für dich der Punkt, an dem du entschieden hast, Russland zu verlassen?

Nikolay B.: Das Smolny College war bis etwa 2020 eines der „liberaleren“ Colleges in Russland. Liberal in dem Sinne, dass es dort noch einen relativ offenen Meinungsaustausch zwischen den Studierenden und Lehrenden gegeben hat und kritisches Denken und Diskutieren aktiv gefördert wurde. Ich habe mich dafür auch sehr eingesetzt in meiner Lehre und immer versucht, meinen Studierenden Werte mitzugeben, ihnen zu erklären, dass Krieg – und Gewalt generell – ein Zeichen von Schwäche ist und dass Menschen verschiedene Meinungen und Ansichten haben dürfen. Ab 2020 sind die Dinge schnell schlechter geworden und es gab Einschränkungen von allen Seiten.

Ich habe immer darauf geachtet, indirekt zu bleiben, Dinge zu umschreiben, sie nicht beim Namen zu nennen. Aber es wurde immer schwerer. Irgendwann wurde das Bard College – was ja eine private westliche Universität mit Sitz in den USA ist – von der Regierung als „ungewünschte Organisation“ gehandelt.  

Das bedeutet, man sollte lieber nicht mit ihr arbeiten, sonst könnte man Gefahr laufen, wegen „extremistischen Aktivitäten“ strafrechtlich verfolgt und verurteilt zu werden?

Nikolay B.: Genau. Die einzig schlimmere Kategorie nach „unerwünschter Organisation“ ist übrigens nur noch „Terroristische Organisation“. 

Meine Frau hatte bereits seit Beginn des Krieges den Wunsch geäußert, das Land aus Sicherheitsgründen verlassen zu wollen und wir haben viel darüber diskutiert. Wir waren beide gegen den Krieg, aber wir waren uns einig, dass wir etwas Gutes tun können, wenn wir blieben und unsere Ideen und Gedanken mit Studierenden und Bekannten besprechen. Dann begann die Mobilisierung für die Front und wie realisierten, dass wir nicht länger bleiben konnten. Wir verließen Russland kurz bevor ein Brief in unserem Briefkasten landete, in dem ich einbezogen wurde.

Zahra, nach deinem Masterstudium an der TU Berlin bist du zurück nach Kabul gegangen und hast dort im Präsidialbüro der Regierung gearbeitet. Wie hast du die Machtergreifung der Taliban am 15. August 2021 erlebt und wie war es für dich, zurück nach Berlin zu kommen?

Zahra A.: Von einem Tag auf den anderen war es mir, wie allen Frauen in Afghanistan, verboten zu arbeiten. Wir verloren nicht nur unsere Jobs, sondern im Grunde all unsere Rechte auf ein selbstbestimmtes Leben. Über das „Bridge IT“-Programm holte die TU mich und weitere Alumni aus Afghanistan nach Deutschland. Nach einigen Tagen in einem Ankunftszentrum in Hannover kam ich schließlich nach Berlin. Meine Erfahrung im Master und mein Zurückkehren hätten allerdings nicht unterschiedlicher sein können. Damals kam ich als Fellow, nun war ich Flüchtling. Damals war alles aufregend und neu, nun war ich voller Sorge um mein Land, meine Familie und Freunde. Aber vor allem wusste ich damals, dass meine Zeit begrenzt war und ich zurückkehren konnte zu meiner Familie. Jetzt weiß ich nicht, wann und ob ich meine Familie wiedersehe. 

Nach deiner Ankunft hast du intensiv begonnen, Deutsch zu lernen, einen Integrationskurs besucht und an der TU Berlin bei IT-Projekten unterstützt, bis du über einen Workshop der TU Kontakt zur Deutschen Bahn aufgenommen hast, wo du heute als Entwicklungsingenieurin arbeitest. Wie gestaltet sich das Leben für dich hier in Deutschland?

Zahra A.: Tatsächlich war die Jobsuche am Anfang sehr schwer, ebenso wie die Sprache zu lernen. Nun arbeite ich in einem Team, in dem ausschließlich Deutsch gesprochen wird. Das ist manchmal ziemlich herausfordernd für mich, aber es hilft mir, die Sprache noch besser zu lernen. Ein großartig soziales Leben neben der Arbeit habe ich nicht. Zwar treffe ich ab und zu andere Afghanen, die ebenfalls mit dem Programm hergekommen sind. Aber richtig Freundschaften habe ich bis jetzt noch nicht geschlossen. Ich habe das Gefühl, es ist nicht leicht, Deutsche richtig kennenzulernen und sich mit ihnen anzufreunden.

Wie ist das für dich, Nikolay? Du bist ja noch nicht so lange hier.

Nikolay B.:  Viele Freunde von mir aus Russland lebten bereits in Berlin, dadurch hatte ich von Beginn an so etwas wie eine stabile Community. Das war sehr hilfreich. Aber mein Ziel ist es immer noch, mich mehr zu integrieren und auch deutsche Freunde zu finden. Ich hoffe sehr, eines Tages in Gruppen unterwegs zu sein, die nicht nur Russisch oder Englisch sprechen, sondern Deutsch. Aber dafür muss man natürlich die Sprache sprechen können und das ist etwas, wo ich noch lernen muss. 

Gibt es etwas, das ihr an Deutschland schätzt?

Zahra A.: Eine Sache, die mir schon während meines Masters an der TU Berlin gefallen hat, ist, dass es in Deutschland viele Regeln gibt und die Menschen sich daranhalten und sie respektieren. Außerdem war ich beeindruckt von der Qualität der Lehre. Und ich mag, dass Deutschland so sicher ist und dass, besonders hier in Berlin, Menschen frei entscheiden können, wie sie sich kleiden oder wie sie leben wollen, solang es die Rechte andere nicht verletzt.

Nikolay B.:  In Deutschland, oder ich würde sagen in Westeuropa, ist die Work-Life-Balance sehr geschätzt. In Russland bekommst du unter Umständen um 10 Uhr nachts eine Aufgabe, die du bis 11 Uhr gelöst haben musst. Hier in Deutschland habe ich das noch nicht erlebt und ich glaube, Menschen schätzen ihre Arbeits- und Freizeit hier mehr. Darüber hinaus schätze ich es sehr, dass ich hier sein kann, wer ich will und machen kann, worauf ich Lust habe, ohne dass das jemanden interessiert – solang ich auch die Freiheit der anderen respektiere.

Nun seid ihr beiden aus Ländern, in denen die Akademische Freiheit bedroht ist. In Russland etwa liegt der Academic Freedom Index auf 0,18, in Afghanistan sogar nur auf 0,09. Beide mit sinkender Tendenz. Zum Vergleich: In Deutschland liegt er bei 0,88, wenn auch ebenfalls sinkend. Basierend auf euren Erfahrungen, was würdet ihr sagen, bedeutet Akademische Freiheit für euch?

Nikolay B.:  Oh, das ist schwierige Frage! Ich denke, akademische Freiheit unterscheidet sich im Grunde nicht viel von der allgemeinen Freiheit – es ist die Möglichkeit, zu sagen und zu machen, was man denkt und nicht, was man erlaubt ist. In der Wissenschaft bedeutet das eben auch, mit jedem frei zu kommunizieren, worüber, wann und wo man will – natürlich mit gegenseitigem Respekt und Einverständnis – und zu forschen, ohne Angst zu haben, dass Personen mit Macht das irgendwie interpretieren. Dennoch finde ich, man sollte sich den Konsequenzen seiner Forschung ständig bewusst sein – insbesondere was Technologien betrifft, deren Potenzial noch nicht umfassend verstanden wurde, wie etwa Künstliche Intelligenz.

Zahra A.: Wissenschaftsfreiheit bedeutet für mich, dass eine Person sagen darf, was sie denkt. Klar, es sollte irgendwie wissenschaftlich belegbar sein. Aber auf alle Fälle sollte man sagen können, was man möchte, ohne dass man selbst oder die eigene Familie in Gefahr ist. In Afghanistan ist das nicht möglich – da sollte man nur wiederholen, was die aktuelle Regierung sagt. Und wenn du eine Frau bist, dann darfst du nicht mal lernen, was du möchtest geschweige denn forschen oder arbeiten. Das ist etwas, was gerade in Afghanistan komplett falsch läuft.

*Name von der Redaktion geändert.