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Die 100 wichtigsten Köpfe der Berliner Wissenschaft. Folge 8: Das Gestern hinter dem Heute

07.10.2026

Sie graben sich in die Tiefenschichten, auf dem das Fundament der Kultur steht. Diese Forschenden ergründen, wie heutige Konflikte gewachsen sind, rekonstruieren mit neuen Techniken das Vergangene und finden neue Wege fürs kollektive Erinnern.

  • Prof. Dr. Barbara Vetter (Freie Universität Berlin): Wenn sie erzählt, womit sie sich beschäftigt, zieht es einem den Boden unter den Füßen weg. Denn Vetters Thema spielt sich auf der Metaebene ab: Warum gibt es die Naturgesetze? Woher weiß ich, dass ich derselbe Mensch wie gestern bin? Antworten darauf, was das Subjekt ausmacht und wie frei es in seinen Handlungen ist, könne man ebenso bei Star Trek wie bei Gottfried Wilhelm Leibniz finden, sagte sie mal im Interview. Für ihre Theorie der Potenzialität bekam Vetter den Leibniz-Preis 2026.

  • Prof. Dr. Sharon Macdonald (Humboldt-Universität zu Berlin): Die Sozialanthropologin war eine der ersten Topwissenschaftlerinnen, die quasi mit dem Brexit aus Oxford nach Berlin wechselten. Sie ist eine der innovativsten Museums- und Kulturerbe-Forscherinnen. Wie gelangt das, was wir ausstellen, ins Museum und warum? Und was macht das Welterbe im 21. Jahrhundert aus? Diese zählen zu ihren zentralen Fragen. MacDonald leitet in Berlin mehrere Zentren, aktuell erkundet sie zum Beispiel, wie man große Sammlungen weniger auf den Westen zentriert gestaltet. Museen sind für sie nichts Statisches, sondern sollten stets auf ihre Umgebung reagieren.

  • Prof. Dr. Henny Piezonka (Freie Universität Berlin): Als die Menschen in Europa vor 8000 Jahren sesshaft wurden, mussten sie erst einmal lernen, mit wachsenden Abfallmengen um sich herum klarzukommen. Piezonka erforscht, was sie mit zerbrochenen Töpfen, Tierknochen und anderen Resten machten und ob sie manches sogar wiederverwendeten. Gemeinsam mit einem internationalen Team untersucht sie dafür Fundorte in ganz Europa. Ein origineller Blick in die Vergangenheit, der auch neue Ideen für unseren heutigen Umgang mit Müll liefern könnte.

  • Dieu Ly Hoang (Technische Universität Berlin; Universität Oxford): Ihre bewegte Familiengeschichte ist ein Grund, warum die Kunsthistorikerin heute Tempel, Statuen und andere Artefakte der Cham erforscht, einem alten Volk Vietnams. Hoang wuchs in Hanoi, später im brandenburgischen Nauen auf und machte ihren Master in Kunstgeschichte an der TU Berlin, wo die Postkolonialismus-Expertin Bénédicte Savoy ihr Talent entdeckte und sie förderte. Für ihre Promotion, in der sie die Cham-Kunst rekonstruieren und vom kolonialen Framing lösen will, bekommt Hoang ein Oxford-Stipendium von 40.000 Pfund pro Jahr.

  • Prof. Dr. Anita Traninger (Freie Universität Berlin): Wie Sprache Macht entfaltet und Einfluss nimmt, erforscht die Romanistin mit Blick in die Frühe Neuzeit. Sie arbeitet heraus, was wir aus den damaligen Formen der Kommunikation für die digitale Medienwelt lernen können, und hat dafür ihr eigenes Zentrum „echo“ gegründet. Traninger prägte die Geschlechterforschung in Berlin, baute das Literatur-Exzellenzcluster „Temporal Communities“ mit auf und ist Leibniz-Preisträgerin. Jetzt hat sie auch den Berliner Wissenschaftspreis bekommen. 

  • Prof. Dr. Caterina Schürch (Technische Universität Berlin): Neue Ideen entstehen oft genau dort, wo Fächergrenzen verschwimmen: Das zeigt die Juniorprofessorin für Wissenschaftsgeschichte. Als Biologin und Historikerin untersucht sie anhand von Laborbüchern, Briefen, Fotografien und Experimenten, wie Biologen, Chemiker und Physiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammenarbeiteten, voneinander lernten und wie daraus neue Erkenntnisse entstanden. Für ihre Forschung erhielt sie jetzt den mit 10.000 Euro dotierten Nachwuchspreis des Berliner Wissenschaftspreises.

  • Prof. Dr. Hubert Mara (Freie Universität Berlin): Keilschrift auf jahrtausendealten Tontafeln mit dem Computer untersuchen: Mara verbindet Archäologie mit moderner Computertechnik. Er entwickelt Verfahren, die Fundstücke in 2D und 3D analysieren und selbst kleinste Merkmale automatisch erkennen können, etwa Schriftzeichen oder Abdrücke auf antiken Siegeln. Für die Archäoinformatik hat ein eigenes Institut gegründet – um sein Fach in die Zukunft zu führen.

  • Prof. Dr. Christina von Braun (Humboldt-Universität zu Berlin): Sie ist die Grande Dame der Kulturwissenschaft. Professorin, Autorin, Filmemacherin: In unzähligen Werken hat sich von Braun mit dem Wechselspiel von Geistes- und Körpergeschichte befasst, etablierte die Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland und hat das Spannungsfeld zwischen Religion und Moderne ausgeleuchtet. In ihrem neuesten Buch setzt sie – erstmals gemeinsam mit ihrem Mann Tilo Held – zeitgemäß die Gesellschaft auf die Couch und analysiert die Bedeutung des Unbewussten für die Entwicklungen der letzten 200 Jahre.

Sie alle wurden heute im Tagesspiegel (7.10.2026) im Rahmen der Serie „Die 100 wichtigsten Köpfe der Berliner Wissenschaft“ vorgestellt. Mehr im Tagesspiegel (T+).

Credit: Berlin University Alliance

Credit: Berlin University Alliance