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Alltag in der Coronakrise

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen die psycho-sozialen Auswirkungen des Lockdowns

26.06.2020

Nachbarschaftshilfe: In der Coranakrise halfen viele Menschen anderen, beispielsweise, indem sie Einkäufe erledigten.

Nachbarschaftshilfe: In der Coranakrise halfen viele Menschen anderen, beispielsweise, indem sie Einkäufe erledigten.
Bildquelle: Shutterstock

Wie wirken sich die coronabedingten Kontaktbeschränkungen auf das Zusammenleben von Menschen aus? Wie verändern sich gesellschaftliches Engagement, Arbeit und Wohlbefinden? Das wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Psychologie, der Politikwissenschaft und den Sozialwissenschaften in Forschungsprojekten herausfinden, die aktuell von der Berlin University Alliance – dem Verbund aus Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technischer Universität Berlin und Charité – Universitätsmedizin Berlin – gefördert werden. Was sich jedoch auch zeigt: Forschung unter sich beinahe täglich wandelnden Bedingungen ist eine Herausforderung.

So will Patrick Mussel, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Freien Universität Berlin, gemeinsam mit seinem Fachkollegen Kai Horstmann von der Humboldt-Universität zu Berlin erforschen, wie Menschen abhängig von ihrer Persönlichkeit die Corona-Pandemie erleben. Wie zufrieden sind sie mit ihrer Lebenssituation? Welche Sorgen machen sie sich? Und: Wie wird sich die Corona-Krise als „kritisches Lebensereignis“ auf ihren weiteren Lebensweg auswirken? Denn bei der aktuellen Untersuchung kann Patrick Mussel auf eine DFG-geförderte Längsschnittstudie aufbauen zum Übergang von der Schule zum Beruf, in der die Persönlichkeitsentwicklung der Befragten über mehrere Jahre hinweg betrachtet wird.

In der eigenen Forschung so schnell reagieren zu müssen, sei nicht einfach, sagt Patrick Mussel. Denn die Daten, die er für sein Projekt erhebt, können nur jetzt – unter dem unmittelbaren Eindruck der Pandemie und der Maßnahmen, die Verbreitung von Covid-19 einzudämmen – erhoben werden. Üblicherweise sind Projekte mit Befragungen und Testungen von Probandinnen und Probanden mit Evaluationen und Vorprüfungen verbunden und werden über Jahre vorbereitet. „Dass sich im Moment die Dinge täglich verändern, ist für die wissenschaftliche Arbeit eine große Herausforderung“, sagt der Psychologe.

„Viele Organisationen und Beschäftigte waren nicht auf einen ausschließlichen Homeoffice-Betrieb über so viele Wochen vorbereitet.“ Jenny S. Wesche

Wie man diese Veränderungen produktiv einsetzen kann, darüber haben auch die promovierte Organisationspsychologin Jenny S. Wesche von der Freien Universität Berlin und die beiden Arbeitspsychologinnen an der Humboldt-Universität zu Berlin, Professorin Annekatrin Hoppe und Elisa Lopper, nachgedacht. Sie wollen mit ihrem Projekt herausfinden, wie sich Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Beschäftigten im Homeoffice stärken lässt, wenn diese Arbeitsform durch Infektionsschutzmaßnahmen überraschend notwendig wird.

Mit dem schon bekannten Homeoffice vor der Corona-Zeit sei die derzeitige Arbeitssituation vieler Beschäftigter nämlich nur eingeschränkt vergleichbar, sagt Jenny S. Wesche. „Viele Organisationen und Beschäftigte waren nicht auf einen ausschließlichen Homeoffice-Betrieb über so viele Wochen vorbereitet, was etwa die technische Ausstattung oder Zugriffsmöglichkeiten auf Dokumente im Homeoffice anbelangt.“

Der Fokus der Organisationspsychologin liegt dabei auf der Rolle der Führungskräfte. Bei der Befragung wollen die Psychologinnen zeitliche und regionale Unterschiede der jeweils geltenden Infektionsschutzmaßnahmen und die daraus resultierenden Belastungen berücksichtigen. Wenn etwa – wie vor kurzem in Göttingen oder jetzt im Kreis Gütersloh – wieder Schulschließungen angeordnet werden, könne das bei der Analyse der Daten berücksichtigt werden, denn die Probandinnen und Probanden werden mit ihrem Landkreis registriert. Um auch diejenigen befragen zu können, die derzeit stark gefordert sind, haben die Wissenschaftlerinnen die Befragung fürs Smartphone optimiert, um eine unkomplizierte Teilnahme zu ermöglichen.

Auch der Alltag in der Familie hat sich verändert. Hat der Erziehungsstress im Lockdown zugenommen? Eine Befragung soll Antworten finden.

Auch der Alltag in der Familie hat sich verändert. Hat der Erziehungsstress im Lockdown zugenommen? Eine Befragung soll Antworten finden.
Bildquelle: picture alliance /KEYSTONE

Die Situation von Eltern und Familien beschäftigt die Psychologieprofessorinnen Babette Renneberg von der Freien Universität Berlin und Sibylle M. Winter, stellvertretende Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Charité. Eltern waren in den vergangenen Wochen besonders belastet, weil sie oftmals neben der veränderten Jobsituation ihre Kinder betreuen mussten, die nicht in Kitas und Schulen konnten. Wie geht es ihnen nun? Inwiefern hat der Erziehungsstress zugenommen? Und welche Folgen hatte das für die Kinder?

Das soll eine Befragung klären, für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit minderjährigen Kindern im Haushalt gesucht werden. Von Seiten der Charité wird zudem verstärkt die Risikogruppe betrachtet, also Familien, die schon Hilfe bei Kinderschutzzentren gesucht haben oder bei denen Eltern oder Kinder unter einer psychischen Krankheit leiden. Außerdem sollen auch Kinderschutzzentren und ähnliche Einrichtungen mit in die Studie einbezogen werden, um mehr Klarheit darüber zu bekommen, inwiefern Kontaktbeschränkungen und Quarantäne häusliche Gewalt verstärkt haben: „Es ist wichtig, bei diesem wichtigen und sensiblen Thema belastbare Daten zu haben“, sagt Babette Renneberg.

„Wir wollen diejenigen zu Wort kommen lassen, die selbst von diesen Entwicklungen betroffen sind.“ Sabrina Mayer

Auch im Bereich Diskriminierung und Übergriffe deutet vieles auf einen Anstieg im Zusammenhang mit der Ausbreitung von Covid-19 hin. Mehr als 100 Beratungsfälle hatte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bereits im Mai gezählt. Besonders asiatisch aussehende Menschen waren davon betroffen.

Ein interdisziplinäres Team von Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin und dem Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) will das Thema auf verschiedenen Ebenen beleuchten. Mit einer repräsentativen Befragung der Gesamtbevölkerung sollen nicht nur Stimmungen erfasst, sondern durch einen experimentellen Zugang auch die Mechanismen hinter rassistischen Einstellungen erforscht werden, sagt der promovierte Politikwissenschaftler Christoph Ngyuen, der das Projekt gemeinsam mit der Migrationsforscherin Professorin Naika Foroutan von der Humboldt-Universität zu Berlin leitet.

Teil des Projekts sei auch eine Tagebuchstudie um die Innenperspektive aufzeigen zu können, erklärt die promovierte Politikwissenschaftlerin Sabrina Mayer, die am DeZIM den Bereich Daten, Methoden und Monitoring leitet: „Wir wollen diejenigen zu Wort kommen lassen, die selbst von diesen Entwicklungen betroffen sind. Wann ordnen sie ein Geschehen als rassistischen Übergriff ein? Oder erscheint es gar nicht mehr berichtenswert, weil sie schon jahrelang immer wieder Mikroaggressionen erlebt haben?“

Menschen, die durch die Pandemie einsam sind und psychisch belastet, hat Stephan Heinzel, Professor für Klinische Psychologie an der Freien Universität Berlin, im Fokus. Er will untersuchen, was diesen bei der Krisenbewältigung im Alltag hilft.

Eine Woche lang werden Probandinnen und Probanden deshalb mehrmals am Tag über ihr Smartphone befragt. Gleichzeitig wird die Intensität ihrer Bewegung mit einem Bewegungsmesser festgehalten. Die Studie knüpft an das „SEA“-Projekt der Charité an, für das Menschen nach ihrem Stress- und Entspannungsverhalten in der derzeitigen Situation gefragt werden und für das noch Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer gesucht werden.

Im Juni erschien zu der Studie ein Artikel von Shuyan Liu und Andreas Heinz von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in der Fachzeitschrift Pharmacopsychiatry. Der Artikel stellt die Ergebnisse einer Online-Umfrage zur interkulturellen Validität der psychischen Belastungsmessung zwischen Deutschland und China während der Covid-19-Pandemie vor. Die beiden Forschenden zeigten, dass in Deutschland 24,1 Prozent der 1007 Befragten von psychischen Belastungen berichteten, wobei die Anzahl der Betroffenen wesentlich niedriger war als in China, wo 34,4 Prozent der Befragten von psychischen Belastungen berichteten.

Neue Formen der Unterstützung: Während des Lockdowns waren an Gabenzäunen Tüten mit Lebensmitteln angebracht.

Neue Formen der Unterstützung: Während des Lockdowns waren an Gabenzäunen Tüten mit Lebensmitteln angebracht.
Bildquelle: Julia Schmitz / Prenzlauer Berg Nachrichten

Mit sozialem Zusammenhalt in der Krise beschäftigen sich der Politikwissenschaftler Professor Swen Hutter und der Soziologe Professor Christian von Scheve von der Freien Universität Berlin gemeinsam mit der Persönlichkeitspsychologin Professorin Jule Specht von der Humboldt-Universität zu Berlin.

Sie untersuchen, wie sich Menschen in der Krise engagiert haben oder sich aber als Folge der Kontaktbeschränkungen nicht mehr einbringen konnten, und wer von diesem Einsatz profitiert hat. Denn einerseits sind spontan neue Formen des Engagements entstanden wie Gabenzäune oder Nachbarschaftshilfe; andererseits konnten Menschen, weil sie einer Risikogruppe angehören, beispielsweise nicht mehr als Lesepatinnen im Einsatz sein. Angebote für Geflüchtete fielen aus, und auch die „Tafeln“ zur Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige mussten vielerorts schließen.

„Aus der Katastrophenforschung wissen wir, dass nach Extremereignissen die Bindekraft in einer Gesellschaft nachlassen kann.“ Swen Hutter

„Es laufen derzeit zwar viele wissenschaftliche Umfragen“, sagt Swen Hutter, „doch nach dem Engagement wird selten gefragt.“ Das Forschungsteam will dieses Feld nun systematisch erschließen. Sie befragen Menschen aus insgesamt fünf europäischen Ländern, was sie motiviert, sich zu engagieren. Außerdem soll eine Organisationsbefragung durchgeführt werden.

„Aus der Katastrophenforschung wissen wir, dass nach Extremereignissen die Bindekraft in einer Gesellschaft nachlassen kann“, sagt Swen Hutter. „Wenn wir genauer hinhören, was die Zivilgesellschaft jetzt wirklich braucht, könnten Initiativen und Projekte zielgerichteter gefördert werden und damit auch der Zusammenhalt gestärkt.“

Selten können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Veränderungen in individuellen Lebensläufen oder in einer Gesellschaft erforschen, während sie stattfinden. Das macht auch den Reiz dieser nun schnell entwickelten Forschungsprojekte aus.

Dass die Forscherinnen und Forscher in Berlin oftmals schon seit Jahren über Einrichtungsgrenzen hinweg zu ähnlichen Themen zusammengearbeitet haben, hat zwar dabei geholfen, für die aktuellen Fragen geeignete Studiendesigns zu entwickeln oder bestehende Projekte zu erweitern. Aber die Erforschung der Pandemie und ihrer Folgen verlangt den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einiges an Kreativität ab. Oder, wie Swen Hutter sagt: „Es ist auch ein Experimentierfeld.“

 

Der Artikel wurde zuerst am 26. Juni im Online Magazin der Freien Universität Berlin „Campus.leben“ veröffentlicht.

Weitere Informationen

Insgesamt zwölf Forschungsprojekte zum gegenwärtigen Pandemiegeschehen werden von der Berlin University Alliance, dem Verbund von Freier Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, Technischer Universität Berlin und Charité – Universitätsmedizin Berlin, gefördert.

Die Fördermittel konnte der Verbund im Rahmen der sogenannten Grand Challenge Initiatives ausschreiben. Deren Ziel ist es, interdisziplinäre und institutionenübergreifende Forschung zu besonders drängenden gesellschaftlichen Fragen fördern. Als erste Grand Challenge hatte der Verbund das Thema Social Cohesion, sozialer Zusammenhalt, ausgemacht. Das zweite gemeinsame Oberthema, zu dem Forschung angestoßen werden soll, ist Global Health, also Krankheit und Gesundheit aus globaler Perspektive.

Schlagwörter

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