Vorhang auf für die Literatur

Die Freie Universität Berlin eröffnete feierlich den literaturwissenschaftlichen Exzellenzcluster „Temporal Communities – Doing Literature in a Global Perspective“

20.11.2019

GO! Mit einem Grand Opening über drei Tage wurde der Exzellenzcluster "Temporal Communities – Doing Literature in a Global Perspective" eröffnet.

GO! Mit einem Grand Opening über drei Tage wurde der Exzellenzcluster "Temporal Communities – Doing Literature in a Global Perspective" eröffnet.
Bildquelle: Juergen Morgenroth Fotografie  www.aloi.photo

Es war – passend zum Namen des Clusters – eine temporäre Gemeinschaft, die sich zu seiner feierlichen Eröffnung in den Räumen der Staatsbibliothek und des Ibero-Amerikanischen Institutes eingefunden hatte; beide Einrichtungen sind außeruniversitäre Partner des Clusters. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Kooperationspartner, Medien- und Kulturschaffende, Künstlerinnen und Künstler begleiteten das GO! des Forschungsverbunds, das Grand Opening.

Das so überschriebene dreitägige Festivalprogramm, in das der Eröffnungsabend eingebettet war, demonstrierte mit einem ambitionierten Programm aus Tanz, Vorträgen und Theater, aus Gebärdensprachenpoesie, Ausstellungen und Filmvorführungen, wie weit gefasst Literatur in dem Forschungsverbund begriffen werden soll.

Der Ansatz von Temporal Communities besteht darin, bislang durch die traditionellen Grenzen von Kulturräumen und Epochen willkürlich Getrenntes zusammen- und weiterzudenken sowie in verschiedenen Medien voneinander Entkoppeltes miteinander zu verbinden.

Auf diese Weise, so die Clustersprecherin Romanistikprofessorin Anita Traninger und der Clustersprecher Anglistikprofessor Andrew James Johnston, lasse sich der Kraft der Literatur nachgehen, Gemeinschaften über lange Zeiträume hinweg zu stiften. Der spanische Dichter Miguel de Cervantes (1547–1616) sei ein gutes Beispiel dafür, wie Anita Traninger in ihrer Einführung erläuterte, dass Literatur als Praxis allerdings durchaus von historisch wandelbaren Ein- und Ausschlussprozessen gekennzeichnet sei: Denn zu seinen Lebzeiten sei Cervantes keineswegs der Cervantes gewesen, der als Schöpfer des „Don Quijote“ heute neben Goethe und Shakespeare als Fixstern der europäischen Literatur verehrt wird. Er war vielmehr ein in prekären Verhältnissen und unter abenteuerlichen Umständen Umherirrender: Ein Schriftsteller, der sich seinen Platz im Literatursystem zu erobern suchte und an dessen „Torhütermechanismen“ – damit sind die jeweils zu einer Zeit geltenden (ungeschriebenen) Regeln gemeint, die den Zugang zu diesem System steuern – immer wieder bitter scheiterte.

Davon, dass Texte „aus sich heraus die Zeit entwickeln“, ist auch Georg Bertram, Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin, an dem der Cluster angesiedelt ist, überzeugt. Er zitierte Walter Benjamin: „Es gibt eine Nachreife auch der festgelegten Worte.“ Der Fachbereich sei „sehr stolz“, sagte der Philosophieprofessor. Es sei „ein großer Tag“ und der Cluster „ein Versprechen auf die Zukunft“. Bertram wünschte ihm „Fortleben und Nachreife im Benjamin’schen Sinne“.

„Der Cluster Temporal Communities ist eine temporäre Gemeinschaft von Schreibenden.“ Günter M. Ziegler

Günter M. Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin, identifizierte temporäre Gemeinschaften in seiner eigenen Umgebung: So hatte eine Gruppe britischer Schriftsteller um Christopher Isherwood Ende der 1920er Jahre in Zieglers Kiez am Nollendorfplatz in Berlin-Schöneberg gelebt und gearbeitet – Isherwoods „Berlin Stories“ waren die Vorlage für das Musical „Cabaret“. In welchem Maße hat diese Gemeinsamkeit, diese Gemeinschaft möglicherweise ihre Werke geprägt? Wie eng war das Schriftstellernetz? Wusste Isherwood, dass eine Ecke weiter Else Lasker-Schüler dichtete und wieder eine Ecke weiter Nelly Sachs lebte?

In Dahlem, in unmittelbarer Nachbarschaft der Freien Universität und damit an Zieglers beruflichem Wirkungsort, entdeckte er eine weitere Community: Zu ihr gehörten etwa die Physikerin Lise Meitner sowie die Wissenschaftler Otto Hahn und Albert Einstein. Eine dritte temporäre Gemeinschaft – diese allerdings mit langfristigem Anspruch, wie der Universitätspräsident betonte – sei die kürzlich gegründete Berlin University Alliance – der aus dem Exzellenzwettbewerb erfolgreich hervorgegangene Berliner Universitätsverbund mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Nicht zuletzt sei der Cluster Temporal Communities selbst eine temporäre Gemeinschaft von Schreibenden, wie Ziegler feststellte.

Perspektivwechsel: Wie gelingt es Literatur, Gemeinschaften über lange Zeiträume hinweg zu stiften? Das ist eine der Hauptfragen, denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaflter bei Temporal Communities widmen werden.

Perspektivwechsel: Wie gelingt es Literatur, Gemeinschaften über lange Zeiträume hinweg zu stiften? Das ist eine der Hauptfragen, denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaflter bei Temporal Communities widmen werden.
Bildquelle: Juergen Morgenroth Fotografie  www.aloi.photo

Nicht über Shakespeare zu reden, hatte sich Andrew James Johnston für seine Begrüßung vorgenommen – denn als Anglist sei es schließlich allzu naheliegend, den englischen Dramatiker als Gewährsmann für einen literaturwissenschaftlichen Cluster heranzuziehen. Zur Freude des Publikums nahm Johnston von seinem Plan Abstand – musste von ihm Abstand nehmen, schon weil der Abend mit dem 25. Oktober auf ein klassisches Shakespeare‘sches Datum fiel: den St. Crispin’s Day, an dem der Dichter König Heinrich V. eine der berühmtesten Reden der englischen Literaturgeschichte halten ließ.

Außerdem habe der Schriftsteller und Theatermann, wie der Wissenschaftler fein ironisch entwickelte, den Cluster Temporal Communities schon vor rund 600 Jahren inhaltlich entworfen: In schönsten „Antragsversen“ – hier spielte Johnston auf die gerne als Antragsprosa bezeichneten Formulierungen in wissenschaftlichen Förderanträgen an – habe Shakespeare das Publikum als aktiv Erinnernde angesprochen – und damit die Fährte gelegt für eine sich immer wandelnde Auffassung von Texten zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Künsten. Allein das Forschungsfeld „Building Digital Communities“, das der Cluster neben vier weiteren Research Areas bearbeiten will, hätte Shakespeares Vorstellungshorizont offenbar überstiegen, räumte Johnston ein.

Wer darf Literatur? Darüber diskutierten (v. l. n. r.): Lütfiye Güzel, Stephan Porombka, Lea Schneider, Eva Geulen, Ijoma Mangold und Moderatorin Jutta Müller-Tamm.

Wer darf Literatur? Darüber diskutierten (v. l. n. r.): Lütfiye Güzel, Stephan Porombka, Lea Schneider, Eva Geulen, Ijoma Mangold und Moderatorin Jutta Müller-Tamm.
Bildquelle: Juergen Morgenroth Fotografie  www.aloi.photo

Wer darf Literatur? Unter dem grammatisch „schrägen“ Motto, so Literaturwissenschaftsprofessorin der Freien Universität Berlin Jutta Müller-Tamm, stand die anschließende Podiumsdiskussion. Debattiert wurde darüber, wer im Literaturbetrieb „mitspielen“ darf, wer dazu gehört, wessen Bücher besprochen werden, wer ausgezeichnet wird. Um Ein- und Ausschlusskriterien sollte es gehen und damit auch um die Frage: Wer gehört nicht dazu – und warum, erläuterte Müller-Tamm, die die Runde moderierte.

Tragen gängige Veröffentlichungsmechanismen im Literaturbetrieb zum Ausschluss von Literatur bei? Während ein Manuskript bis zu seiner Besprechung im Literaturteil eines Mediums in der Regel verschiedene Beurteilungsinstanzen passieren muss – von einer Agentur über das Verlagslektorat und die Verlagsvorschau bis zum Kritiker –, gibt es im Netz keine derartigen gate keeper: Dort dürfen alle Literatur. Eine Freiheit, die Lütfiye Güzel schätzt und nutzt. Die Autorin möchte „alles allein machen“; so führe sie auch den Austausch darüber, ob ein Text fertig sei oder nicht, nur mit sich selbst. Eines ihrer Gedichte las Lütfiye Güzel zum Abschluss der Diskussion.

Lea Schneider (Mitte), promoviert an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule. Sie ist auch Lyrikerin und Übersetzerin. Links: Stephan Porombka, rechts Eva Geulen.

Lea Schneider (Mitte), promoviert an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule. Sie ist auch Lyrikerin und Übersetzerin. Links: Stephan Porombka, rechts Eva Geulen.
Bildquelle: Juergen Morgenroth Fotografie  www.aloi.photo

Lea Schneider promoviert an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Literaturen der Freien Universität Berlin zu „Poetiken radikaler Verletzbarkeit in der Gegenwartsliteratur“. Als Lyrikerin und Übersetzerin schätzt auch sie das Netz als hierarchiefreien Publikationsraum. Vor allem Instagram sei unter jungen Dichterinnen, den sogenannten Instapoets, beliebt.

Moderatorin Jutta Müller-Tamm, Direktorin der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule, mit Ijoma Mangold, Die ZEIT.

Moderatorin Jutta Müller-Tamm, Direktorin der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule, mit Ijoma Mangold, Die ZEIT.
Bildquelle: Juergen Morgenroth Fotografie  www.aloi.photo

Dass Auswahl und Ausschluss nicht zwangsläufig schlecht sein müssen, erläuterte Ijoma Mangold, Literaturkritiker für die „ZEIT“. Er schätze es, dass Texte sich ihm „vermittelt nähern“: Durch die Bearbeitung der verschiedenen Instanzen, vor allem das Lektorat, würden sie komplexer und besser. Als wichtigstes Kriterium für die Entscheidung, ob ein Text gut sei und veröffentlicht werden sollte, nennt er die Plausibilität: Warum musste die Geschichte so aufgeschrieben werden und nicht anders? Das auf dieser Grundlage gefällte Urteil sei zwar subjektiv, so Mangold. Aufgabe des Kritikers sei es dann, das subjektive Urteil mit Anspruch auf Verallgemeinerung zu begründen.

Eva Geulen, Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, rief die Literaturwissenschaft auf, das Feld des Literatur-Einordnens nicht der Kritik allein zu überlassen. Der Vorteil der Wissenschaft sei, sich den Werken sowie den Autorinnen und Autoren aus außenstehender Perspektive nähern zu können – anders als die immer auch in den Betrieb involvierte Kritik.

Durch Veröffentlichungen im Netz erweitert sich das literarische Feld. Dort gebe es keine Publikationsroutinen wie bei Verlagen, die sich an feststehenden Terminen für Neuerscheinungen orientieren: jeweils im Frühjahr und Herbst, zu den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt, argumentierte Stephan Porombka, Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der Universität der Künste Berlin. Der Wissenschaftler zeigte sich beeindruckt, dass der Exzellenzcluster von der Netzkultur, der „unübersichtlichen Gegenwart“, lernen wolle. Im Unterschied zur Konzentration auf Literatur als Forschungsgegenstand, der in der Vergangenheit liegt, wodurch eine distanzierte Beurteilungsperspektive automatisch eingeschlossen werde, sei man bei Temporal Communities „mitten drin“.

Diskutierten nach der Aufführung von „Orlando“ an der Schaubühne: Doris Kolesch (2. v. l.), Matthias Warstat (3.), beide Freie Universität, Dramaturgin Maja Zade (4.), Schauspielerin Jenny Königs (6.), Konrad Singer (1.) und Philip Dechamps (5.).

Diskutierten nach der Aufführung von „Orlando“ an der Schaubühne: Doris Kolesch (2. v. l.), Matthias Warstat (3.), beide Freie Universität, Dramaturgin Maja Zade (4.), Schauspielerin Jenny Königs (6.), Konrad Singer (1.) und Philip Dechamps (5.).
Bildquelle: Juergen Morgenroth Fotografie  www.aloi.photo

Auf die Frage „Wer darf Literatur“ schwang immer wieder auch die Einschätzung „Alle sollten Literatur dürfen“ mit. Wie inklusiv der Cluster sich versteht, welche temporären, gern auch langfristigen Gemeinschaften er identifizieren und stiften will, formulierte Andrew James Johnston, einmal mehr mit – oder gegen – Shakespeare: „We few, we happy few, we band of brothers“ – mit diesen Worten hatte Heinrich V. seine Truppen an besagtem St. Crispin’s Day auf die Schlacht von Azincourt eingeschworen. Auf den Tag genau 604 Jahre später gehören zur „band of brothers“ natürlich auch „sisters und LGTBQIA+ – lesbische, schwule, transgender, bisexuelle Menschen sowie die, die sich keinem Geschlecht zuordnen“, sagte Johnston.

Das Grand Opening endete am darauffolgenden Abend mit einem Besuch in der Berliner Schaubühne. Dort diskutierten nach der Aufführung von Virginia Woolfs „Orlando“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Schauspielerinnen und Schauspielern. Woolfs Roman aus dem Jahr 1929 wurde in der Inszenierung von Katie Mitchell nicht nur auf die Theaterbühne gebracht, sondern war auch als Live-Film zu sehen, auf eine Leinwand über der Bühne projiziert. Ein Beispiel für Literatur, die Zeiten und Räume durchquert und dabei ebenso leicht und mühelos die Medien wechselt wie die Hauptfigur Orlando das Geschlecht.