Die vielen Gesichter der Digitalisierung

Das Berliner Hochschulprogramm DiGiTal fördert 13 Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, die zu digitalen Technologien forschen

09.10.2019

Ganz „DiGiTal“: Fabiola Rodríguez Garzón ist Koordinatorin des Hochschulprogramms DiGiTal an der Technischen Universität, in dessen Rahmen Marcela Suárez und Véronica Díez Día promovieren (v.l.n.r.).

Ganz „DiGiTal“: Fabiola Rodríguez Garzón ist Koordinatorin des Hochschulprogramms DiGiTal an der Technischen Universität, in dessen Rahmen Marcela Suárez und Véronica Díez Día promovieren (v.l.n.r.).
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Véronica Díez Díaz arbeitet mit Dinosaurier-Knochen. Gerade legt die Paläontologin und promovierte Geologin Knochen auf eine Drehscheibe und fotografiert sie. Nach jedem Foto dreht sie die Scheibe um 30 Grad. Das wiederholt sie mit wechselnder Position der Kamera, sodass sie am Ende etwa 100 Bilder erhält, aus denen eine dreidimensionale Simulation des Knochens darstellbar ist. Diese Methode nennt sich Photogrammetrie und ist eine von mehreren 3D-Technologien, die für die Wissenschaftlerin sowohl Arbeitsmethode als auch Untersuchungsgegenstand ist. „Die meisten wissenschaftlichen Artikel machen eine Aussage über Entdeckungen an Knochen und nicht so sehr über die 3D-Modelle, mithilfe derer Informationen über die Knochen gewonnen wurde.“ Das will die Wissenschaftlerin, die an der Humboldt-Universität zu Berlin und am Naturkundemuseum forscht, ändern: Mit einem Leitfaden zu Digitalisierungstechniken will sie erreichen, dass Forschende die jeweiligen Arbeitsprozesse besser nachverfolgen können.

Für Verónica Díez Díaz bedeutete Digitalisierung zunächst, physische Objekte in 3D-Objekte zu übertragen. Im Colloquium des Berliner Hochschulprogramms DiGiTal traf sie auf zwölf weitere Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, die sich mit der Übersetzung vom Analogen zum Digitalen auseinandersetzen – mit mitunter gänzlich anderen Fragestellungen.

Verónica Díez mit ihren Untersuchungsobjekten: Dinosaurierknochen

Verónica Díez mit ihren Untersuchungsobjekten: Dinosaurierknochen
Bildquelle: Privat

Digitale Technologien stehen im Mittelpunkt der Forschungsprojekte und künstlerisch-wissenschaftliches Vorhaben von 13 Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, die durch das Berliner Programm zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre (BCP) im Rahmen des Hochschulprogramms DiGiTal für drei Jahre gefördert werden. Mit dem Programm werden exzellente Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, deren Forschungsprojekte und künstlerisch-wissenschaftliche Vorhaben innovative Digitalisierungsformen auszeichnet, auf dem Weg zur Professur gefördert. Erstmals arbeiten hier 13 Berliner Hochschulen zusammen und fördern kooperative Promotionen programmatisch:

Die DiGiTal-Promovendinnen werden als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an Fachhochschulen betreut und promivieren an einer am Verbund beteiligten Universität. Die Postdoktorandinnen sind an den Berliner Universitäten angesiedelt und die künstlerischen Mitarbeiterstellen an den Berliner Kunsthochschulen. Langfristig soll das Programm dazu beitragen, mehr Professorinnen im Themenfeld der Digitalisierung zu gewinnen.

„Der digitale Raum ist nur eine Erweiterung des sozialen Raums und in beiden Räumen gibt es Machtverhältnisse.“ Verónica Díez Díaz

Die Postdoktorandin Verónica Díez Díaz möchte mit ihrem Projekt für mehr Transparenz in der Wissenschaft sorgen und Arbeitsprozesse besser nachvollziehbar machen. Für die Geologin sei Digitalisierung immer etwas sehr Positives gewesen. Durch DiGiTal kam sie aber mit auch kritischeren Auffassungen von Digitalisierung in Berührung. Zum Beispiel die von Marcela Suárez Estrada. Die promovierte Politikwissenschaftlerin von der Freien Universität Berlin untersucht am Lateinamerika-Institut digitale Gewalt gegen Frauen und wie sich feministische Kollektive mithilfe digitaler Strategien dagegen wehren. Das Internet und digitale Technologien seien nicht neutral, sagt Suárez Estrada. „Die Digitalisierung macht Körper unsichtbar. Aber hinter jedem Computer sitzt ein Mensch, sitzen Männer und Frauen“, sagt die Politologin. „Der digitale Raum ist nur eine Erweiterung des sozialen Raums und in beiden Räumen gibt es Machtverhältnisse.

Marcela Suárez untersucht am Lateinamerika-Institut der Freien Universität digitale Gewalt gegen Frauen.

Marcela Suárez untersucht am Lateinamerika-Institut der Freien Universität digitale Gewalt gegen Frauen.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

In Lateinamerika haben Frauen Angst sich spätabends in bestimmten Straßen zu bewegen. Aber auch im Internet besteht die Angst beispielsweise ihre Meinung zu äußern und aufgrund ihres Geschlechts zu Opfern werden. Marcela Suárez Estrada hat ein Beispiel aus ihrem Leben. Sie interessiere sich für Drohnen, sagt sie. Als Frau werde sie aber in manchen Foren zu dem Thema diskriminiert. „Als Reaktion nutzen Frauen nur bestimmte Webseiten – genauso wie sie abends nur bestimmte Straßen nutzen.“ Die Postdoktorandin Suárez Estrada untersucht feministische Kollektive, die sich gegen diese digitale Gewalt richten – und die dabei selbst digitale Strategien anwenden. Hackerinnen-Clubs beispielsweise bringen Frauen Verschlüsselungstechniken bei, damit diese digitaler Gewalt etwas entgegensetzen können.

DiGiTal macht es möglich, dass eine Dinosaurier-Forscherin mit einer Wissenschaftlerin diskutiert, die sich mit digitaler Gewalt beschäftigt. Was dabei herauskommt? Spannende Diskussionen und ein produktiver Dialog, sagt Marcela Suárez Estrada. „Wir diskutieren in jedem Colloquium, ob es einen gemeinsamen Nenner von Digitalisierung in unseren Projekten gibt“, sagt Verónica Díez Díaz. „Vielleicht ist der gemeinsame Nenner, dass wir alle mit nicht-physischen Dingen arbeiten.“

„Das Programm von vornherein interdisziplinär und hochschulübergreifend zu gestalten zahlt sich sehr aus.“ Fabiola Rodríguez Garzón

Die Koordinatorin des Hochschulprogramms DiGiTal an der Technischen Universität, Fabiola Rodríguez Garzón, sieht in der Diversität der Ansätze die Stärke des Programms: „Das Programm von vornherein interdisziplinär und hochschulübergreifend zu gestalten zahlt sich sehr aus. Denn nur so kann einem vielschichtigen Phänomen wie der Digitalisierung angemessen begegnet werden.“. Die Zusammenarbeit der 13 Hochschulen laufe sehr gut, auch deshalb wünsche sie sich „eine Form der Verstetigung“.

Marcela Suárez schätzt sich glücklich, Teil dieses Programms zu sein. Sie wird nicht nur finanziell gefördert, sondern lehrt auch als regulärer Teil des Instituts für Lateinamerika-Studien in Dahlem und betreut Studierende. Das sei wichtig, gerade als Vorbereitung auf eine mögliche Professur. Das Programm richtet sich schließlich an Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen in der Predoc- und Postdoc-Phase.  Auch Verónica Díez Díaz ist dankbar für die Förderung, die es ihr erlaubt, ihre Forschung weiterzutreiben. Letztes Jahr gewann sie dafür den Digital Female Leader Award in der Kategorie „Science“. Sie zeigt, dass Dinosaurier und Digitalisierung kein Widerspruch sind.