Ein Fest hoch vier

In der Urania feierte die Berlin University Alliance ihren Erfolg im Exzellenzstrategie-Wettbewerb des Bundes und der Länder

21.07.2019

Vereinte Freude: Staatssekretär Steffen Krach, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Günter M. Ziegler (Freie Universität), Christian Thomsen (Technische Universität), Sabine Kunst (Humboldt-Universität), Karl Max Einhäupl (Charité).

Vereinte Freude: Staatssekretär Steffen Krach, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, Günter M. Ziegler (Freie Universität), Christian Thomsen (Technische Universität), Sabine Kunst (Humboldt-Universität), Karl Max Einhäupl (Charité).
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Als Günter M. Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin, neben DJ Dano hinter den Turntables steht und zu den Klängen von „Under Pressure“ die Hände zum Himmel hebt, gibt es kein Halten mehr. Die Vizepräsidentin der Technischen Universität Angela Ittel wirbelt im gelben Partydress übers Parkett und der Charité-Vorstandsvorsitzende Karl Max Einhäupl beweist sein Talent als routinierter Standardtänzer, strahlt über das ganze Gesicht, während überall um ihn herum Menschen auf der Tanzfläche zum Takt der Musik in die Hände klatschen, johlen und springen. Das Arnheim-Foyer der altehrwürdigen Urania gleicht an diesem Freitagabend einer Disko. „Sekt oder Selters?“ – unter diesem Motto hatte die Berlin University Alliance in das Veranstaltungszentrum in Schöneberg geladen, um die Entscheidung in der Exzellenzstrategie gemeinsam zu verfolgen. Kurz nach 16 Uhr ist klar: Es gibt Sekt – die Party kann steigen!

Wenige Stunden zuvor ist die Spannung noch mit Händen zu greifen. Von 15.30 Uhr an füllt sich das Foyer: Der rbb hat ein Kamera-Team geschickt, Journalisten von der Frankfurter Allgemeinen, der Berliner Zeitung, von Tagesspiegel, dpa, Focus und B.Z. haben die Handys und Laptops gezückt. In der Nähe des Eingangs hat sich Theo Roelofs aus der Geschäftsstelle des Exzellenzclusters Math+ mit Kollegen an einem Stehtisch eingefunden, nippt an einem Glas Sekt. „Ich bin heute hier, weil von dieser Entscheidung viel abhängt,“ sagt der Mathematiker. Erstmals sind die Freie Universität Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin, die Technische Universität und die Charité – Universitätsmedizin Berlin gemeinsam angetreten im bundesweiten Exzellenzwettbewerb. Es geht um Millionen Fördergeld, aber auch um Ansehen und den Verlust von Renommee: Die Freie Universität trägt den Exzellenztitel seit 2007, die Humboldt-Universität seit 2012. Theo Roelofs ist zuversichtlich, dass es gut gehen wird: „Schließlich ist die Berlin University Alliance ein einzigartiger Verbund über Institutionengrenzen hinweg.“

„Von dieser Entscheidung hängt viel ab.“

An der Garderobe wartet Tina Kasal-Slavik auf einen Bekannten. Die Postdoktorandin hat sich gerade selbst in einem harten Wettbewerb gegen zahlreiche Konkurrenten durchgesetzt und in der Research to Market Challenge gewonnen, einem Wettbewerb für Geschäfts- und Gründungsideen aus der Forschung der vier Verbundpartnerinnen. Sie kann sich also gut in die Verantwortlichen hineinversetzen, die in wenigen Minuten erfahren werden, ob sie zu den Siegern des prestigeträchtigen Exzellenzstrategie-Wettbewerbes zählen oder leer ausgehen. „Ich fiebere natürlich mit und drücke die Daumen,“ sagt die Biologin und Start-Up Gründerin. Sie freut sich unabhängig von der Entscheidung schon jetzt auf die Party danach und auf die „einzigartige Gelegenheit, mit so vielen Spitzenforscherinnen und -forschern ins Gespräch zu kommen.“

Warten auf die Entscheidung: Im Kinosaal der Urania wurde die Pressekonferenz des Wissenschaftsrats übertragen.

Warten auf die Entscheidung: Im Kinosaal der Urania wurde die Pressekonferenz des Wissenschaftsrats übertragen.
Bildquelle: Felix Noak

Einer davon ist Matthias Drieß, der sich in den hinteren Reihen des Humboldt-Saals auf einem der mit rotem Samt überzogenen Sessel niedergelassen hat, um sich die Live-Übertragung der Entscheidungsverkündung in Bonn anzusehen. Der Chemiker der Technischen Universität und Sprecher des Exzellenzclusters UniSysCat ist entspannt und gut gelaunt: „Bei so viel Vorarbeit wird das laufen“, ist er überzeugt. Da zeigt sich Andrew J. Johnston einige Reihen vor ihm schon etwas nervöser. „Ich bin total aufgeregt – aber extrem zuversichtlich“, sagt der Philologe und einer der Sprecher des Exzellenzclusters Temporal Communities der Freien Universität Berlin. „Ich glaube jedenfalls, dass wir den Sieg verdient haben, denn wir arbeiten schon lange zusammen und haben gezeigt, dass Berlin ein Standort ist und nicht viele Standorte nebeneinander.“

Als um Punkt 16 Uhr die Live-Übertragung aus Bonn beginnt, wird es still im mittlerweile gut gefüllten Saal. Die Vorsitzende des Wissenschaftsrates Martina Brockmeier macht es spannend. Sie zeigt sich beeindruckt, „auf welch hohem Niveau sich die deutschen Universitäten bewegen“, die „in jeder Hinsicht bestens aufgestellt“ seien, lobt den „enormen Kraftakt“ der 19 Wettbewerbsteilnehmer, von denen sich in wenigen Minuten elf exzellent nennen werden dürfen, und gibt bekannt, dass die Entscheidung einstimmig gefallen sei. Als schließlich Bundesforschungsministerin Anja Karliczek ans Mikrofon tritt und den Tag als den „krönenden Abschluss“ eines langwierigen Entscheidungsprozesses würdigt, bricht tatsächlich noch der Livestream zusammen. Doch nur für wenige Sekunden. Die Worte, auf die alle im Saal gewartet haben, sind wieder deutlich hörbar: Der Berliner Universitätsverbund ist unter den Gewinnern.

„Wir arbeiten schon lange zusammen und haben gezeigt, dass Berlin ein Standort ist und nicht viele Standorte nebeneinander.“

In der ersten Reihe hält es Sabine Kunst, die Präsidentin der Humboldt-Universität, Charité-Chef Karl Max Einhäupl, Christian Thomsen, den Präsidenten der Technischen Universität, und Günter M. Ziegler, den Präsidenten der Freien Universität, nicht mehr auf ihren Sitzen. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen fallen sich die vier in die Arme. Die Worte Anja Karliczeks, dass man sich hier und heute „für die Besten der Besten entschieden“ habe, gehen im Jubel der Zuschauer fast unter.

Die erste Pressekonferenz der Berlin University Alliance: Karl Max Einhäupl, Sabine Kunst, Günter M. Ziegler, Christian Thomsen und die Pressesprecherin der Technischen Universität Berlin, Stefanie Terp.

Die erste Pressekonferenz der Berlin University Alliance: Karl Max Einhäupl, Sabine Kunst, Günter M. Ziegler, Christian Thomsen und die Pressesprecherin der Technischen Universität Berlin, Stefanie Terp.
Bildquelle: Matthias Heyde

Auf der anschließenden Pressekonferenz hebt Verbundsprecher Ziegler die Gemeinschaftsleistung hervor, „auf die wir richtig stolz sein können“, und Sabine Kunst freut sich, dass die Exzellenzkommission die Bereitschaft der Berliner Partnerinnen belohne, „eine gemeinsame Infrastruktur aufzubauen“. Christian Thomsen lobt die vielen Ideen, die für den gemeinsamen Antrag entwickelt wurden und die Grundlage des Erfolges seien. Freude und Erleichterung auch bei Karl Max Einhäupl, dem ein negativer Bescheid „den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr vermasselt“ hätte, und der den Erfolg auf das große gemeinschaftliche Engagement zurückführt: „Wer von euch hätte sich vor fünf Jahren in seinen kühnsten Träumen ausgemalt, dass es einmal möglich sein würde, die drei Berliner Universitäten unter einen Hut zu kriegen?“, fragt der Mediziner in die Runde – und erntet befreites Lachen.

„Dieser Erfolg ist historisch!“

An diesem Abend gibt es bei Sekt und Saft, Bratwürsten und Krautsalat, Schmalzbroten und Gemüsespießen nur ein Thema. „Dieser Erfolg ist historisch!“, sagt Gabriele Metzler, Historikerin und Dekanin der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Universität. Sie sieht den Verbund als vielversprechenden Ausdruck einer neuen Entwicklung zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, „nachdem wir aufgrund der geschichtlichen Umstände mehr als 200 Jahre lang die Ausdifferenzierung der universitären Landschaft erlebt haben.“ Im Foyer wird Sabine Kunst von allen Seiten beglückwünscht, zeigt sich überzeugt, dass mit dem positiven Bescheid aus Bonn „Interdisziplinarität und Kooperation belohnt“ wurden. Die Entscheidung sende ein wichtiges Signal, illustriere Berlins „Vorreiterstellung in der internationalen Wissenschafts-Community“.

Beatrice Gründler, Professorin für Arabistik an der Freien Universität Berlin, und Staatssekretär Steffen Krach im Gespräch.

Beatrice Gründler, Professorin für Arabistik an der Freien Universität Berlin, und Staatssekretär Steffen Krach im Gespräch.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Im Innenhof der Urania, der an diesem lauen Sommerabend zum Biergarten wird, diskutieren Staatssekretär Steffen Krach und die Leibniz-Preisträgerin und Arabistin Beatrice Gründler von der Freien Universität das Wettbewerbsergebnis zwischen Sitzbänken, Wurststand und Pflanzkisten voll wild wuchernder Minze und Thymian. Das sei „nicht zwingend ein Selbstläufer“ gewesen, betont der Politiker. Als Erfolgsfaktor sieht er den Gutachterbesuch an den vier Berliner Standorten, bei dem „die klare Botschaft war, dass alle vier Partner es ernst meinen mit der Kooperation“. Die positive Entscheidung honoriere die Berliner Vision, die Hauptstadt als Wissenschaftsstandort auf eine neue Stufe zu heben. Das Land Berlin habe mit seinen Bemühungen Entscheidendes zum Erfolg beigetragen, fügt Beatrice Gründler an, die sich besonders über den Teamgeist und die Beharrlichkeit freut, mit dem sich Wissenschaft und Politik über Disziplinen und Institutionen hinweg in den vergangenen Jahren dem Projekt gewidmet hätten. „Viel wichtiger als das Geld, das jetzt fließt“, sei die neue Dynamik, die am Wissenschaftsstandort Berlin in Folge des Wettbewerbes entstanden sei. „Ich habe in diesem Prozess fächerübergreifend viele neue Kontakte hinzugewonnen,“ freut sich die Arabistin.

Wie sehr der Politik das Allianzprojekt am Herzen liegt und wie groß die Freude auch dort ist, wird dadurch deutlich, dass Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller an diesem Abend gleich zwei Mal in der Urania vorbeischaut: Am Nachmittag direkt nach seiner Rückkehr aus Bonn zum Gratulieren und später am Abend noch einmal zum Feiern.

„Wir kennen uns jetzt viel besser und sehen einander dadurch auf ganz neue Art.“

Auch Sabine Meurer aus dem Referat für Strategieentwicklung der Humboldt-Universität ist die Erleichterung über die Entscheidung deutlich anzumerken. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus allen Häusern hatte sie den Antrag koordiniert. Sie erinnert sich an die intensiven Vorarbeiten zu einer Struktur, die „wissenschaftlich und politisch einzigartig“ sei: „Das war ein drei Jahre währender Prozess. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben dabei immer wieder vorgelebt, wie man unterschiedliche Ebenen zusammenführt und sich gemeinsam über Hürden hinweghilft. Heute hat sich gezeigt, dass all die Arbeit gut investiert war.“

Legte als erste auf: Die Vizepräsident Angela Ittel der Technischen Universität Berlin am DJ-Pult.

Legte als erste auf: Die Vizepräsident Angela Ittel der Technischen Universität Berlin am DJ-Pult.
Bildquelle: Felix Noak

Auch Anita Traninger ist in Feierstimmung. Die nach der Entscheidung bestens gelaunte Literaturwissenschaftlerin hebt den Mehrwert interdisziplinärer und überinstitutioneller Kooperation hervor: „Wir kennen uns jetzt viel besser und sehen einander dadurch auf ganz neue Art.“ Berlin sei zwar schon seit dreißig Jahren ein Spitzenstandort der Geisteswissenschaften, im Rahmen des Verbundes hätten sich aber noch einmal ganz andere Synergien ergeben. „Über die gemeinsame Arbeit habe ich kürzlich etwa Informatiker von Fraunhofer Fokus kennengelernt, die sich mit Netzwerkanalyse befassen.“ Deren Perspektiven würden nun in die Arbeit des Exzellenzclusters Temporal Communities einfließen, den Anita Traninger und Andrew J. Johnston als Sprecherin und Sprecher koordinieren.

Sich persönlich besser kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen, dazu haben die insgesamt rund 600 Partygäste Gelegenheit, die an diesem Abend aus den vier Einrichtungen in der Urania zusammengekommen sind. So steht DJ Dano an diesem Abend nicht nur Unipräsident Günter M. Ziegler zur Seite – auch die „leidenschaftliche Tänzerin“ Vizepräsidentin Angela Ittel, Vorstandsvorsitzender Karl-Max Einhäupl, die Vizepräsidentin der Humboldt-Universität Eva Inés Obergfell und Staatssekretär Steffen Krach legen auf. „Für nichts anderes als den Verbund hätte ich mich dazu hinreißen lassen“, bekennt Angela Ittel. Die Berlin University Alliance bringt eben auch jede Menge ungeahnter Stärken hervor.


Schlagwörter