„Große Zukunftsfragen müssen von einer freien Wissenschaft beantwortet werden“

Berlins Regierender Bürgermeister und Wissenschaftssenator, Michael Müller, erklärt im Interview, welche Potenziale er im Verbund der Berliner Universitäten sieht – für die Hochschulen, für den Wissenschaftsstandort und die Stadt

16.07.2019

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller auf dem Balkon des Roten Rathauses.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller auf dem Balkon des Roten Rathauses.
Bildquelle: Lena Giovanazzi

In Berlin ist Wissenschaft Chefsache, denn der Regierende Bürgermeister Michael Müller ist zugleich auch Wissenschaftssenator. Seit Beginn seiner Amtszeit hat er sich für die Universitäten eingesetzt und unterstützt den Verbundantrag von Freier Universität, Humboldt-Universität, Technischer Universität Berlin und Charité – Universitätsmedizin Berlin in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder. Im Interview spricht Michael Müller über die Entwicklung Berlins zu einem der führenden Wissenschaftsstandorte und wie der Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft weiter verbessert werden könnte. 

Herr Müller, 2016 fiel die Entscheidung, dass die drei großen Berliner Universitäten und die Charité in der Exzellenzstrategie gemeinsam antreten. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesem Prozess?

Michael Müller: Es war kein leichter Start. Zunächst mussten Vorbehalte überwunden werden – in der Politik wie in den beteiligten Einrichtungen selbst. Aber wenn man sich heute anschaut, was daraus entstanden ist, ist für mich klar: Es war eine gute Entscheidung aller Beteiligten, noch stärker zu kooperieren und gemeinsam in diesen Wettbewerb zu gehen. Alle haben gemerkt, dass man auch im Verbund die eigene Kompetenz und das eigene Profil bewahren und weiterentwickeln kann und gleichzeitig durch eine klug durchdachte, enge Kooperation stärker auftreten kann – national wie international. 

Welche Gründe sprechen noch für den Verbund?

Michael Müller: Berlin ist inzwischen ein weltweit beachteter und geachteter Wissenschafts- und Forschungsstandort. Aber natürlich wissen wir, dass wir in einem harten internationalen Wettbewerb stehen. Und wir haben viel vor! Wir wollen die besten Köpfe aus aller Welt nach Berlin holen, junge Talente besser fördern und neue Forschungsfelder erschließen. Außerdem wollen und müssen wir wichtige Zukunftsfragen mit Hilfe von Wissenschaft und Forschung beantworten. Durch den Verbund, also die enge Kooperation unserer drei großen Universitäten und der Charité, haben wir dafür eine hervorragende Basis. Das hat sich bei unserer Strategie für die Digitalisierung gezeigt. Das Einstein Center Digital Future an dem neben den Einrichtungen der Berlin University Alliance auch die Universität der Künste und auch Fachhochschulen beteiligt sind, ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Die Entwicklung der Gesundheitsstadt 2030 folgt ebenfalls der gleichen Logik. Durch die strukturelle Kooperation zwischen medizinischer Spitzenforschung und Gesundheitsversorgung schaffen wir Mehrwerte, die Patientinnen und Patienten zu Gute kommen. Zwei Beispiele, die zeigen: Es ist für die gesamte Entwicklung Berlins gut und richtig, dass man kooperiert. 

"Es sollte für die deutsche Hauptstadt mit ihren herausragenden Einrichtungen ein Anspruch sein, in Forschung und Lehre zur Spitzengruppe zu gehören."

"Es sollte für die deutsche Hauptstadt mit ihren herausragenden Einrichtungen ein Anspruch sein, in Forschung und Lehre zur Spitzengruppe zu gehören."
Bildquelle: Felix Noak

Sollte die Berlin University Alliance am 19. Juli mit dem Exzellenztitel ausgezeichnet werden, wo sehen Sie den Wissenschaftsstandort in zehn Jahren?

Michael Müller: Ich möchte, dass wir dann zu den besten Wissenschaftsstandorten weltweit gehören. Es sollte für die deutsche Hauptstadt mit ihren herausragenden Einrichtungen ein Anspruch sein, zur Spitzengruppe zu gehören, und zwar – das ist mir besonders wichtig – über das gesamte Themenspektrum hinweg, sowohl in Forschung und Lehre, oder auch beim Stichwort Transfer. Wir sollten aber nicht nur im Technologiebereich stark sein, sondern uns auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit den großen gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Wir wollen von Berlin aus Impulsgeberin in der Wissenschaft sein – bei der Diskussion um unser Zusammenleben, beim Umgang mit den Klimaveränderungen und anderen drängenden Herausforderungen. 

Was wird der Senat tun, wenn Berlin die Förderung nicht bekommen sollte? Und was erwarten Sie von den Universitäten in diesem Fall?

Michael Müller: Natürlich wäre das eine große Enttäuschung, vor allem, wenn man sich anschaut, wie viele Menschen sehr engagiert in den vergangenen Jahren für die gemeinsame Vision gearbeitet haben und wie viel Herzblut in das Projekt Berlin University Alliance geflossen ist. Sollten wir eine schlechte Nachricht bekommen, müsste zuerst eine selbstkritische Bestandsaufnahme erfolgen. Wo konnten wir nicht überzeugen? Wo müssen wir besser werden? Und daran müssen wir dann arbeiten, gemeinsam. Aber auch in diesem Fall würden wir – Politik und Verwaltung – an Kooperationen und einer Stärkung des Verbunds festhalten. Ich bin davon überzeugt, dass dieser kooperative Ansatz der natürliche nächste Schritt ist an einem Wissenschaftsstandort wie Berlin. Im Haushalt haben wir dafür bereits zusätzlich 6 Mio. Euro jährlich eingeplant, damit sollen über die Einstein Stiftung Spitzenberufungen und Forschungsvorhaben der Berlin University Alliance gefördert werden. Das ist nur ein Beispiel, wie wir den Verbund weiterentwickeln werden, auch für den Fall, dass wir am Freitag nicht erfolgreich sind.

Wenn Sie von Berliner Bürgerinnen und Bürgern gefragt werden, welchen Nutzen die Wissenschaft hat, was antworten Sie?

Michael Müller: Ich werde sehr selten darauf angesprochen, was ich schade finde. Dieser wichtige und erfolgreiche Bereich in unserer Stadt ist nur wenigen Menschen präsent und viel zu selten Thema in den Medien. Ich würde mich sehr freuen, wenn man mir diese Frage häufiger stellte, denn inzwischen ist beinahe alles, was um uns herum passiert – seien es innovative Mobilitätskonzepte, die Digitalisierung der Arbeitswelt, neue Wohnformen oder Partizipationsformen – untrennbar mit Wissenschaft und Forschung verbunden. Alles, was an den Hochschulen erforscht wird, spielt im täglichen Leben jeder Berlinerin und jedes Berliners zumindest indirekt eine Rolle. Eine hervorragende Entwicklung unserer Stadt ist untrennbar verbunden mit einem starken Wissenschafts- und Forschungsbereich. Deshalb sollten wir gemeinsam stolz sein auf die Berliner Wissenschaftslandschaft und sie unterstützen und fördern.

Wie könnten die Universitäten und die Politik die Wissenschaftsvermittlung vorantreiben?

Michael Müller: Wir müssen immer wieder erklären und werben, wir brauchen noch mehr Offenheit, noch mehr Transparenz, noch mehr Kreativität in der Wissenschaftsvermittlung. Es gibt bereits viele spannende und erfolgreiche Formate wie die Lange Nacht der Wissenschaften, die seit 19 Jahren stattfindet, oder die noch junge Berlin Science Week. Die Wissenschaft muss aber noch häufiger an anderen Orten erlebbar werden, jenseits der rein akademischen Welt. Ob in Schulen, in Parks oder in Clubs – es gibt viele Möglichkeiten mit der Stadtgesellschaft zu diskutieren, den Bürgerinnen und Bürgern Forschung nicht nur zu erklären, sondern sie auch in Forschungsprojekte einzubeziehen, die Wissenschaft auch greifbar zu machen. Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen da innovative Wege. Übrigens dürfen wir nicht vergessen, auch in unseren Parlamenten gibt es alle fünf Jahre neue Abgeordnete und auch die muss man immer wieder neu informieren, überzeugen und begeistern. 

"Ich sehe die Rolle der Politik darin, langfristige und verlässliche Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass sich Forschung frei entfalten kann und die Forscherinnen und Forscher erfolgreich arbeiten können."

"Ich sehe die Rolle der Politik darin, langfristige und verlässliche Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass sich Forschung frei entfalten kann und die Forscherinnen und Forscher erfolgreich arbeiten können."
Bildquelle: Felix Noak

Was würden Sie sich von den Hochschulen und von der Wissenschaft auch mit Wirkung auf die Politik wünschen?

Michael Müller: Politiker wollen gern Prozesse begleiten, die im Rahmen einer Legislaturperiode Ergebnisse hervorbringen. In der Forschung reden wir oft über ganz andere Zeiträume. Wir müssen jedoch Wege finden, um beide Bereiche zusammenzubringen. Unsere Bürgerinnen und Bürger erwarten, dass Wissenschaft und Politik gemeinsam in überschaubaren Zeiträumen Dinge voranbringen, die ihr Leben verbessern. Daran müssen wir arbeiten. Ich sehe die Rolle der Politik darin, langfristige und verlässliche Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass sich Forschung frei entfalten kann und die Forscherinnen und Forscher erfolgreich arbeiten können. Die Wissenschaft sollte ihre Erkenntnisse noch sichtbarer machen und wir sie gemeinsam noch besser und öfter als Grundlage auch für politische Entscheidungen nutzen.

Wir erleben gerade eine große Dynamik in der Berliner Wissenschaft. Woher kommt diese Dynamik?

Michael Müller: Das hat natürlich auch mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun. Berlin war viele Jahre in einer schwierigen finanziellen Situation, überall musste gekürzt und gespart werden. Seit meinem Amtsantritt spreche ich von einem Jahrzehnt der Investitionen, das gilt auch für unsere Hochschulen. Als Wissenschaftssenator ist es mir sehr wichtig, unsere Hochschulen deutlich besser auszustatten und auch erhebliche Mittel für Bau und Sanierung zu sichern, denn wir haben einiges aufzuholen. Und ich nehme es so wahr, dass es immer mehr Menschen bewusst wird, dass die Lösung großer Zukunftsfragen nur gelingt, wenn sie von Wissenschaft begleitet wird. Und zwar von einer freien Wissenschaft. Das ist der nächste Motor für Dynamik. Der freie und offene Wissenschaftsstandort Berlin ist unsere ganz große Stärke und ein Anziehungspunkt für viele Menschen aus aller Welt. Wir merken zunehmend, dass dies keine Selbstverständlichkeit mehr ist. In anderen Ländern erleben wir verstärkt Eingriffe in Wissenschaft und Forschung. Dass wir diese Freiheit in unserem Land bewahren – und gerade auch in Berlin, der ehemals geteilten Stadt –, ist mir sehr wichtig. Und nicht vergessen: Wir haben inzwischen über 190.000 Studierende und zig Tausende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Ländern der Welt in Berlin. Sie alle tragen dazu bei, dass sich unsere Stadt bewegt, dass neue Ideen entwickelt werden, dass Berlin in vielen Dingen Vordenkerin sein kann. Das alles schafft das Umfeld, aus dem die besondere Dynamik erwächst und deren Ausdruck auch die Berlin University Alliance ist. Nun also Daumendrücken für den kommenden Freitag!  

Das Gespräch führten Nina Diezemann und Stefanie Terp