Anziehungspunkt für den wissenschaftlichen Nachwuchs weltweit

Die Marie-Skłodowska-Curie Individual Fellowship der Europäischen Union ermöglicht jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Forschungsaufenthalte von bis zu zwei Jahren innerhalb Europas. Berlin ist dabei besonders attraktiv

05.06.2019

Die Berlin University Alliance brachte junge Wissenschaflterinnen und Wissenschaftler bei einem Workshop der Marie-Skłodowska-Curie Individual Fellowship zusammen.

Die Berlin University Alliance brachte junge Wissenschaflterinnen und Wissenschaftler bei einem Workshop der Marie-Skłodowska-Curie Individual Fellowship zusammen.
Bildquelle: Felix Noak

Harry Stopes interessiert sich dafür, wie die Moderne in die Provinz gekommen ist. Der Historiker fragt sich, wie die Globalisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Leben von Menschen in kleineren Industriestädten wie Manchester in England und dem französischen Lille veränderte.

Dass der Postdoktorand seine Forschungsarbeit jetzt von London nach Berlin verlegt hat, liegt nicht an Berlins vermeintlicher Provinzialität. Sondern: „Die Freie Universität Berlin ist ein exzellenter Ort für Globalgeschichte. Hier ist eines der führenden Institute für Global History. Es war deshalb ein logischer Schritt für mich, meine Forschung hier fortzusetzen.“ Und zwar als Marie Skłodowska Curie-Fellow. Das EU-Programm fördert Auslandsaufenthalte von Postdoktorandinnen und Postdoktoranden, die bis zu zwei Jahren in einem europäischen Land forschen wollen. Ziel des Programms ist es, den europäischen Forschungsraum besser zu vernetzen und Forscherinnen und Forschern aus dem außereuropäischen Ausland zu gewinnen.

Der Historiker Harry Stopes forscht zu der Frage, wie die Globalisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Leben der Menschen in kleineren Industriestädten veränderte.

Der Historiker Harry Stopes forscht zu der Frage, wie die Globalisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Leben der Menschen in kleineren Industriestädten veränderte.
Bildquelle: Felix Noak

Nachdem er seine Dissertation am Londoner University College erfolgreich abgeschlossen hatte, bewarb sich Stopes für das Programm. Ein Jahr später, im vergangenen August, zog er nach Berlin. Der Bereich der Global History war für den Wissenschaftler verlockend: Die Expertise für bestimmte Regionen verteilt sich über die drei großen Berliner Universitäten, weshalb der Bereich in seiner ganzen Breite abgedeckt wird. Doch nicht nur auf dem Feld der Global History ist Berlin interessant. Die Möglichkeit mit einem Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship hierher zu kommen, lockt den wissenschaftlichen Nachwuchs aus allen Disziplinen.

Das zeigt auch ein Workshop, den die vier Partnerinnen der Berlin University Alliance – die Freie Universität, die Humboldt-Universität zu Berlin, die Technische Universität Berlin und die Charité  Universitätsmedizin Berlin – in diesem Jahr erstmals gemeinsam anboten, um 20 vielversprechende Kandidatinnen und Kandidaten bei der Bewerbung zu unterstützen.

Priji Balakrishnan erforscht die Lichtqualität von Tageslicht, um herauszufinden, wie man es in Räumen bestmöglich imitieren und einsetzen kann.

Priji Balakrishnan erforscht die Lichtqualität von Tageslicht, um herauszufinden, wie man es in Räumen bestmöglich imitieren und einsetzen kann.
Bildquelle: Felix Noak

Für die Biologin Sara Tomiolo ist Berlin mit seinem Berlin-Brandenburgische Institut für Biodiversitätsforschung besonders reizvoll.

Für die Biologin Sara Tomiolo ist Berlin mit seinem Berlin-Brandenburgische Institut für Biodiversitätsforschung besonders reizvoll.
Bildquelle: Felix Noak

Der Workshop drehte sich um praktische Fragen rund um die aufwändige Bewerbung: Wie wichtig sind Deutsch-Kenntnisse? Worauf legen die Gutachterinnen und Gutachter wert? Wann ist eine Lücke im Lebenslauf erklärungsbedürftig? Auch Harry Stopes war vor Ort und berichtete über seine Erfahrungen bei der Bewerbung. Gerade das gefällt Priji Balakrishnan: „Die Einblicke in den Bewerbungsprozess durch jemanden, der ihn bereits durchlaufen hat, sind sehr wertvoll. Ich bin positiv überrascht, wie viel Unterstützung wir hier bekommen, dass es hier ein Team gibt, das sich den möglichen Kandidatinnen und Kandidaten widmet.“

Balakrishnan hat an der Singapore University of Technology and Design promoviert. Sie erforscht die Lichtqualität von Tageslicht, um herauszufinden, wie man es in Räumen bestmöglich imitieren und einsetzen kann. In der Abteilung für Lichttechnik der Technischen Universität Berlin gibt es genau für diesen Forschungsbereich ein Labor mit einem spektralen Himmelsscanner, „einem der ganz wenigen auf der Welt“, wie Balakrishnan betont. „Ich forsche in einem sehr speziellen, neuen Forschungsfeld. Die Technische Universität Berlin ist die einzige Universität in Deutschland, die ein Labor hat, das genau an dieser Schnittstelle von Architektur, Nachhaltigkeit und spektralem Licht arbeitet.“

Auch für Sara Tomiolo ist Berlin als Forschungsstandort reizvoll: „Berlin ist eine Art Goldmine für meine Forschung“, sagt die Biologin, und verweist auf das Berlin-Brandenburgische Institut für Biodiversitätsforschung, einem Gemeinschaftsprojekt an dem neben der Universität Potsdam und dem Museum für Naturkunde sowie weiteren Partnern alle drei großen Universitäten beteiligt sind.

Für Kristy Ou ist das breite wissenschaftliche Spektrum der Charité ausschlaggebend, sich zu bewerben: Sie möchte in Berlin gerne Forschungsvorhaben zu Entzündungserkrankungen fortführen. Die Pharmakologin, die an der University of Pensylvannia promovierte, arbeitete bisher intensiv im Bereich der Epigenetik und suchte gezielt einen Betreuer in Immunologie: „In Berlin gibt es viele Forschungsinstitute im Bereich Immunologie, die Charité beheimatet fantastische Forscherinnen und Forscher.“ 

Die Pharmakologin Kristy Ou arbeitete forschte bisher zu Epigenetik und möchte in Berlin ihre Forschungsvorhaben zu Entzündungserkrankungen fortführen.

Die Pharmakologin Kristy Ou arbeitete forschte bisher zu Epigenetik und möchte in Berlin ihre Forschungsvorhaben zu Entzündungserkrankungen fortführen.
Bildquelle: Felix Noak

"Die Marie Skłodowska-Curie-Fellows profitieren von der Berliner Forschungslandschaft."

Von dem stimulierenden Forschungsumfeld der Berliner Forschungslandschaft profitiert auch Harry Stopes bei seiner Arbeit. Der Arbeitsbereich Global History am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität, der mit der Humboldt-Universität kooperiert, sei klein, er schätze den intensiven Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. „Wir haben hier ein starkes Institut, das eine unterstützende Umgebung bietet.“ Zum Beispiel bei einem gemeinsamen Wochenende, bei dem ein Teil des wissenschaftlichen Personals zu einem Workshop nach Brandenburg fuhr. „Alle haben 20 Seiten ihres gegenwärtigen Arbeitsprozesses mit den anderen geteilt. Während der zwei Tage saß jeder eine Stunde auf dem ‚heißen Stuhl´, bei der die eigene Arbeit von allen diskutiert wurde. Das war wahnsinnig hilfreich für meine Arbeit.“

Stopes will während seiner Zeit in Berlin weiter Kontakte im Bereich Global History knüpfen. Neben allen beruflichen Vorteilen, die Berlin ihm bietet, verschweigt er den Bewerberinnen und Bewerbern im Workshop aber auch nicht seine persönlichen Motive: „Ich bin ehrlich: Nicht jede Entscheidung ist einzig von intellektuellen Motiven geleitet. Ich mag Berlin und wollte auch mal woanders leben.“ Er schätzt die Stadt für ihre Natur und blickt dem Sommer entgegen. Die Berlin-Erprobten unter den potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten nicken zustimmend.