„Breit doch dein Wir aus“

Die Kooperation der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien mit der University of Oxford ermöglicht ein nachhaltiges, internationales Forschungsnetzwerk

24.01.2019

Vielfältig: Der Fokus der Friedrich Schlegel Graduiertenschule kann sich auf Texte aus dem europäischen, amerikanischen, arabischen oder asiatischen Kulturkreis richten. Seit 2011 besteht eine enge Kooperation mit der University of Oxford.

Vielfältig: Der Fokus der Friedrich Schlegel Graduiertenschule kann sich auf Texte aus dem europäischen, amerikanischen, arabischen oder asiatischen Kulturkreis richten. Seit 2011 besteht eine enge Kooperation mit der University of Oxford.
Bildquelle: pixabay/ninocare

Lyrische Selbstdarstellung in der vormodernen Literatur, Bekehrungsgedichte im 19. Jahrhundert, autobiographische Lyrik der neuen Sachlichkeit und die autobiographische Literaturtradition Skandinaviens – poetische Texte können viele autobiographische Facetten haben. Die Verbindungen zwischen Poesie und Autobiographie waren das Thema einer internationalen Tagung im April 2017 am St Hilda’s College der University of Oxford, die Marie Lindskov Hansen, Doktorandin der Skandinavistik am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität und an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien, mit einem Team von zwei anderen Nachwuchswissenschaftlern konzipiert hatte. Die Veranstaltung ist ein Beispiel für die enge Kooperation zwischen der Friedrich Schlegel Graduiertenschule an der Freien Universität Berlin (FSGS) und der University of Oxford. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beider Einrichtungen sind seit 2011 eng miteinander vernetzt. 

Welche Eigendynamik sich aus den langjährigen, institutionell eingebetteten Kontakten entwickelt, zeigt sich auch bei Marie Lindskov Hansens aktuellem Vorhaben: Bei einem Vortrag zum norwegischen Autor Karl Ove Knausgård an der University of Oxford im vergangenen Frühjahr knüpfte sie Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa. „Und nun plane ich mit zwei Kolleginnen aus Oxford für den Herbst 2019 eine weitere Tagung, diesmal zu meinem Promotionsthema ‚Autofiktion‘, das sowohl in der Wissenschaft als auch in der Literaturproduktion Hochkonjunktur erlebt.“ Das Interesse in Fachkreisen sei schon jetzt sehr groß, es hätten sich sogar bereits Verlage angeboten, die Tagungsergebnisse zu publizieren. „Dieses Netzwerk ist eine große Hilfe für die Arbeit“, so die Literaturwissenschaftlerin. „Es ist gut, aus der stillen Kammer herauszukommen, der Austausch mit anderen Akteurinnen und Akteuren desselben Fachs gibt Rückenwind für das eigene Schaffen.“ 

Jutta Müller-Tamm ist Direktorin der Friedrich Schlegel Graduiertenschule und Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin

Jutta Müller-Tamm ist Direktorin der Friedrich Schlegel Graduiertenschule und Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Marie Lindskov Hansen ist Doktorandin der Skandinavistik am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität und an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule.

Marie Lindskov Hansen ist Doktorandin der Skandinavistik am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität und an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Eine Möglichkeit, um langfristig wirksame Kontakte zu knüpfen

Die Friedrich Schlegel Graduiertenschule, seit 2007 durch die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder gefördert und an der Freien Universität Berlin angesiedelt, ist ein strukturiertes Promotionsprogramm. 2012 kam die Humboldt-Universität zu Berlin als wichtiger Kooperationspartner hinzu. Bewerben können sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit einem literaturwissenschaftlichen Forschungsprojekt. Kulturelle und sprachliche Grenzen gibt es hierbei nicht: Der Fokus kann sich auf Texte aus dem europäischen, amerikanischen, arabischen oder asiatischen Kulturkreis richten.

Bis 2017 wurden Stipendien zur Vorbereitung der Promotion, zur Promotion und für Postdoktoranden-Projekte vergeben, seit 2018 vergibt die Graduiertenschule Promotionsplätze sowie Projektstipendien. „Die Kooperation mit der University of Oxford ist ein wichtiger Bestandteil unseres Angebots“, betont FSGS-Direktorin und Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, Jutta Müller-Tamm. „Unsere Doktorandinnen und Doktoranden erhalten die Möglichkeit, sich zu vernetzen und langfristig wirksame Kontakte zu knüpfen, die ihre Arbeit – und die der internationalen Literaturwissenschaft – voranbringt.“ 

Den Mitgliedern der Friedrich Schlegel Graduiertenschule steht eine exzellente Infrastruktur zur Verfügung. Sie sind eingebunden in ein internationales und interdisziplinäres Netzwerk von Forschung und Lehre und können sich aus einem strukturierten Angebot ein maßgeschneidertes Programm zur Förderung ihres Projektes zusammenstellen. „Gemeinsam mit Professorinnen und Professoren organisieren sie Tagungen und Workshops, laden internationale Gäste ein und gestalten so ihr Curriculum mit“, erläutert Müller-Tamm. „Verpflichtend sind die interdisziplinären Jahrgangscolloquien in den Wintersemestern, in denen die Projekte vorgestellt und Arbeitsfortschritte diskutiert werden. Assoziierte und Gäste der Schule stellen ihre Forschung im wöchentlichen Mittagsforum zur Diskussion.“ Ein einsemestriger Aufenthalt an einer internationalen Partnerhochschule – darunter auch die University of Oxford - ist Bestandteil des Programms. Jedes Jahr kommen zudem Gäste aus den Partnerinstitutionen an die Graduiertenschule. „Die teils unterschiedlichen Strukturen der Universitäten spielen bei dieser engen Kooperation glücklicherweise kaum eine Rolle“, so Müller-Tamm. „Gastdoktorandinnen und -doktoranden nehmen hier thematisch und methodisch in vollem Umfang am Universitätsleben teil.“ 

Kennt Berlin gut: Die Literaturwissenschaftlerin Izabela Rakar von der University of Oxford kam zunächst als Bachelorstudentin nach Berlin, dann als Gastdoktorandin und schließlich als Postdoktorandin an die FSGS.

Kennt Berlin gut: Die Literaturwissenschaftlerin Izabela Rakar von der University of Oxford kam zunächst als Bachelorstudentin nach Berlin, dann als Gastdoktorandin und schließlich als Postdoktorandin an die FSGS.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Auch die Berliner Literaturszene lockt Gastdoktoranden an 

Eine von ihnen war Izabela Rakar. Die Literaturwissenschaftlerin von der University of Oxford kam 2011 erstmals im Rahmen ihres Bachelor-Studiums nach Berlin an die Humboldt-Universität. Von 2014 bis 2016 war sie als Gastdoktorandin an der FSGS. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte Rakar sich mit dem 2005 verstorbenen Lyriker Thomas Kling: „Der Aufenthalt in Berlin war wichtig, zu den Kontakten an der FSGS kam die Möglichkeit der Recherche und die Literaturszene der Stadt.“ Nach ihren guten Erfahrungen kehrte Rakar 2017 als Postdoktorandin über ein Stipendium der Alexander von Humboldt Stiftung gerne an die FSGS zurück: „Das Arbeitsumfeld hier ist sehr angenehm.“Im Mittelpunkt ihres neuen Projekts stehen nun Lyrik und klangorientierte Arbeit, unter Berücksichtigung von Lyrikern mit internationalem Hintergrund: das Verhältnis von Wort und Klang sowie neuen Möglichkeiten, sich im digitalen Umfeld damit auseinanderzusetzen. Auch hier entwickelt die Arbeit in einem internationalen Netzwerk ihre Eigendynamik. So hat Rakar im November 2018 gemeinsam mit Doktoranden an der FSGS eine Tagung organisiert. Deren Titel könnte man – mit einem Augenzwinkern – auch als poetischen Leitspruch für die Arbeit der Graduiertenschule verstehen, er lautet: „‚Breit doch dein Wir aus‘: Interaktion und Kollaboration in der Lyrik.“