Springe direkt zu Inhalt

Wasserwissen von gestern – für heute und morgen

Der Geograf und Klimahistoriker Jonas Berking von der Freien Universität Berlin untersucht das Wassermanagement in der Antike

31.10.2018

Die Bewohner des andalusischen Dorfs Vélez Blanco bewässern die terassenförmigen Landwirtschaftsflächen auch heute noch mit einem Kanalsystem, das vor mehr als 1000 Jahren angelegt wurde.

Die Bewohner des andalusischen Dorfs Vélez Blanco bewässern die terassenförmigen Landwirtschaftsflächen auch heute noch mit einem Kanalsystem, das vor mehr als 1000 Jahren angelegt wurde.
Bildquelle: Jonas Berking 

Die große Dürre, die Nord- und Mitteleuropa in diesem Sommer heimgesucht hat, führte nicht nur zu Ernteausfällen in der Landwirtschaft und zu Rekordernten bei Kartoffelbauern und Winzern, sondern auch zu einem unerwarteten Nebeneffekt. Denn wirkungsvoller hätte man kaum auf die Relevanz eines Forschungsbereichs hinweisen können, der sonst vor allem Spezialistinnen und Spezialisten der Alten Geschichte beschäftigt: die Geschichte des Wassermanagements und der Bewässerung. Dabei ist sie so alt wie die Sesshaftigkeit des Menschen und grundlegend für menschliches Leben, wie wir es seit dem Ende der letzten Eiszeit kennen.

Die Geschichte des menschlichen Umgangs mit Wasser ist zu weiten Teilen eine Geschichte des Mangels – die Sintflut war die Ausnahme, die Wasserknappheit die Regel. Schon die Hochkulturen der Vor- und Frühgeschichte entstanden in den eigentlich wasserarmen Regionen des „fruchtbaren Halbmonds“, in dem erst menschlicher Erfindungsreichtum Fruchtbarkeit schuf. Das Gleiche gilt für die Antike: Ackerbau, Stadtentwicklung und Hochkulturen lebten nicht dort auf, wo Wasser im Überfluss vorhanden war, sondern wo die Menschen das wenige Wasser sammelten, stauten und nutzbar machten.

Der Geograf Jonas Berking forscht vor allem zur Wasser- und Klimageschichte.

Der Geograf Jonas Berking forscht vor allem zur Wasser- und Klimageschichte.
Bildquelle: Jonas Berking

Eben diese Tradition des „Wassermanagements“ in der Antike erforscht Jonas Berking, Leiter der darauf spezialisierten Nachwuchsforschungsgruppe im Exzellenzcluster „Topoi – The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilisations“. In dem interdisziplinären Forschungsverbund beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit den vielseitigen Beziehungen zwischen Raum und Wissen in den Zivilisationen des Vorderen Orients, des Mittelmeerraums und Zentralasiens vom Neolithikum bis hin zum Mittelalter.

Berking ist Physischer Geograf, mit einem Schwerpunkt für Wasser- und Klimageschichte. Bei Topoi erforscht er das antike Wassermanagement in Kooperation mit Archäologen, Altphilologen oder Wissenschaftshistorikern. „Wasser ist Rohstoff und Ressource, es unterliegt als Niederschlag dem Klimawandel, zugleich wird es erst gesellschaftlich zugänglich gemacht, organisiert und verteilt“, sagt Berking. „Es bietet sich also geradezu an, um historische Klimaforschung mit der archäologischen und technikhistorischen Untersuchung der Wasserhebe- und Sammelsysteme sowie der sozialen und rechtlichen Institutionen, die den Zugang zu Wasser rechtlich regeln, zu verbinden.“

Wie grundlegend Wassermanagement die Entwicklung einer ganzen Gesellschaft prägen kann, veranschaulicht Jonas Berking am Beispiel Ägypten. Hier habe sich für die Landwirtschaft mit der Einführung des Verteilungssystems für das aus dem Nil gehobene Wasser eine ganze „Wasserbürokratie“ entwickelt, die in der Gesellschaft zu Hierarchie, Stratifizierung und einem der ersten Staaten führte.

Antikes Wassermanagement konnte die ganzjährige Bewässerung und Trinkwasser in Trockenregionen sicherstellen.

Wie wirksam und nachhaltig antikes Wassermanagement sein konnte, verdeutlicht Berking mit dem Verweis auf die jordanische Felsenstadt Petra, die der Geograf der Freien Universität Berlin gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Humboldt-Universität Berlin 2015 besucht hat. Die Stadt liegt im heißen jordanischen Wüstental Wadi Musa, in dem an nur wenigen Tagen im Jahr überhaupt Regen fällt. Aber weil die Bewohner es meisterhaft beherrschten, die noch so geringen Niederschlagsmengen in zahlreichen Kanälen zu sammeln, in Filterbecken zu reinigen und in Reservoiren zu stauen, konnten sie Brunnen und Teiche unterhalten und ganzjährig Bewässerung und Trinkwasser sicherstellen.

Ein Beispiel antiken und mittelalterlichen Wassermanagements, das sich bis heute erhalten hat, haben Jonas Berking und die Geografinnen Brigitta Schütt und Sarah Ißelhorst von der Freien Universität Berlin im spanischen Andalusien erforscht. Dort, in einer der trockensten Regionen Europas, liegt das Dorf Vélez Blanco. Seine Bewohner bewässern die terrassierten landwirtschaftlichen Flächen der Umgebung mithilfe eines Kanalsystems, das vor mehr als 1.000 Jahren angelegt wurde. Nicht nur die technischen Hilfsmittel wie das Kanalnetz, die Auffangbecken und die Verteilungsmechanismen, sondern auch die rechtlichen Institutionen der Auf- und Zuteilung der Wassermenge je nach Größe der bewirtschafteten Flächen gehen auf die Zeit der islamischen und arabischen Vorherrschaft in Andalusien zurück. Diese hatten wiederum an römisches und hellenistisches Wissen um Wassermanagement angeknüpft.

Eine typische Wasserrinne des Wasssermanagement-Systems in Vélez Blanco.

Eine typische Wasserrinne des Wasssermanagement-Systems in Vélez Blanco.
Bildquelle: Jonas Berking

In Andalusien, erzählt Berking, seien bis heute zwei rechtliche Systeme des Wassermanagements in Verwendung, die auf die arabische Eroberung zurückgehen: das jemenitische und das syrische System. Dabei erfolgt die Wasserzuteilung entweder für alle zu gleichen Teilen oder je nach der Größe der bewirtschafteten Fläche. Diese Nutzung von Wasser als gemeinschaftlich verwaltete Ressource funktioniere so gut und nachhaltig, dass sie bis heute verwendet werde.

Die Nachhaltigkeit des traditionellen Wassermanagements macht es auch zu einem attraktiven Modell für die Gegenwart. Denn wo das mündlich überlieferte Wissen in Vergessenheit gerät, etwa weil man auf moderne elektrische Grundwasserpumpen umsteigt, droht längerfristig noch größerer Wassermangel. Dieses Szenario stehe auch dem jahrhundertealten System des Wassermanagements in Vélez Blanco bevor: Durch die Abwanderung junger Bewohner in die Städte hat das Dorf 75 Prozent seiner Einwohnerinnen und Einwohner verloren. Und weil der Zugang zu Grundwasser kurzfristig kostengünstiger und effizienter ist, droht der Grundwasserspiegel langfristig abzusinken.

Ähnliches ist auch in anderen Trockenregionen zu verzeichnen: Die Verfügbarkeit von Wasser durch Grundwasserpumpen führt dazu, dass es für nicht nachhaltige Tourismusprojekte, etwa für Golfplätze und Swimmingpools, eingesetzt wird – und schließlich das Grundwasser wegen der nicht nachhaltigen Förderung versalzt. Die dadurch drohende Wasserknappheit – zusammen mit dem Klimawandel – birgt Konfliktpotential, zum Beispiel im Nahen Osten, wo manche Beobachter schon zukünftige Kriege um Wasserreserven prognostizieren.

Um so wichtiger wäre es, die kleinskaligen Ansätze des antiken Wassermanagements wieder in Erinnerung zu rufen. Sie hätten sogar das Potenzial, sagt Jonas Berking, Wasserkonflikte auch im Großen zu entschärfen.