Rhetorische Fragen

Ein interdisziplinäres Team von Humboldt-Universität und Technischer Universität zeigt, vor welchen Herausforderungen Redner in der Antike standen – unter anderem auf dem Forum Romanum.

11.07.2018

Ruine der Rostra auf dem Forum Romanum: im Hintergrund die caesarische Rednertribüne mit der gebogenen Front (davor der augusteische Umbau mit geradem Abschluss).

Ruine der Rostra auf dem Forum Romanum: im Hintergrund die caesarische Rednertribüne mit der gebogenen Front (davor der augusteische Umbau mit geradem Abschluss).
Bildquelle: Susanne Muth

Auf der Tribüne agitiert der berühmteste Redner des antiken Roms. Doch unten, in der Menge auf dem Forum Romanum, ist Marcus Tullius Cicero kaum zu verstehen. Einige Brocken seiner dritten Rede gegen Catilina schnappt man auf, dann geht der Rest des Satzes im Geschnatter des Publikums unter. Und zu sehen ist der Orator sowieso nicht: Das Forum ist leicht abschüssig und die Rednertribüne ausgerechnet am niedrigsten Punkt aufgebaut. Im wirklichen Leben hätte sich ein römischer Bürger vielleicht nach vorne durchgedrängelt. Heutigen Zuhörern reicht ein Klick und schon simuliert der Computer einen neuen Standort für die Tribüne auf dem Forum Romanum. Cicero ist nun gut zu sehen und deutlich zu verstehen.

Es ist ein Aha-Erlebnis, das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Humboldt-Universität zu Berlin und der Technischen Universität Berlin mit ihren digitalen Werkzeugen schaffen. Das interdisziplinäre Team um die Archäologin Susanne Muth erforscht seit 2015 die Akustik des Forum Romanum. Das Zentrum Roms, das Touristen noch heute besichtigen können, war der Schauplatz von politischen Machtkämpfen, öffentlichen Gerichtsprozessen und Ansprachen. Über 1.400 Jahre wurden seine Gebäude und Plätze immer wieder umgebaut, um das Forum den gewandelten Bedürfnissen des römischen Staatswesens und seiner politischen Führungsschicht anzupassen.

"Ohne die Mitarbeit und die Ideen der Studierenden wäre die aufwändige digitale Visualisierung des Forums nicht möglich gewesen."

„Seit 2008 erstellen wir im Forschungs- und Lehrprojekt ‚Digitales Forum Romanum‘ dreidimensionale Modelle des Forums.“, sagt Susanne Muth, Professorin am Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie der Humboldt-Universität. Das Projekt ist eine Kooperation mit dem Exzellenzcluster Topoi und dem Architekturreferat des Deutschen Archäologischen Instituts. Ohne die Mitarbeit und die Ideen ihrer Studierenden wäre die aufwändige digitale Visualisierung des Forums über alle Epochen der römischen Geschichte gar nicht möglich gewesen, sagt Susanne Muth. Die beiden zentralen Elemente des politischen Lebens auf dem Forum fehlten jedoch in den Modellen: Die Redner und die Zuhörer – und damit die Akustik. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir nicht alle baulichen Veränderungen dieses städtischen Raumes allein aus der Rekonstruktion des Sichtbaren erklären können.“

Diese digitale Rekonstruktion zeigt aus der Vogelperspektive das Forum Romanum mit einer Ansprache von der caesarischen Tribüne.

Diese digitale Rekonstruktion zeigt aus der Vogelperspektive das Forum Romanum mit einer Ansprache von der caesarischen Tribüne.
Bildquelle: digitales forum romanum, S. Muth; A.Müller, D. Mariaschk

Es ist vor allem die Nordwestecke des Forums, die Archäologinnen und Archäologen seit der Ausgrabung vor über 100 Jahren immer wieder vor Fragen stellt. Hier, bei der Curia, dem Sitz des römischen Senats, versammelten sich die Bürger vor einer erhöhten Rednertribüne. „Ab dem 2. Jahrhundert vor Christus wurde dieser Bereich ständig verändert“, erklärt Susanne Muth. Schriftquellen berichteten etwa, dass sich die Redner damals umdrehten und sich die Zuhörer auf der anderen Seite der Tribüne versammelten – dort war mehr Platz. „Cäsar ließ schließlich um 45/44 vor Christus die alte Tribüne vor dem Senat abreißen und eine neue an der westlichen Schmalseite des Forums bauen.“

"Frühere Forscher erklärten sich diesen Umbau durch die veränderten Machtverhältnisse im römischen Staat."

Reste dieser Rostra können Rombesucher heute noch sehen. „Frühere Forscher erklärten sich diesen Umbau durch die veränderten Machtverhältnisse im römischen Staat. Cäsar habe durch das Abrücken der Rednertribüne weg vom Senat zeigen wollen, dass er die alten republikanischen Institutionen für hinfällig hielt“, sagt Susanne Muth. Sie stimmt zwar zu, dass die Kommunikation auf dem Forum hochsymbolisch gewesen sei. Der wichtigste Zweck einer Rednertribüne sei allerdings banal: Die Zuhörer müssen den Redner verstehen können. „Wir müssen also das konkrete Erlebnis, das alltägliche Leben in den Blick nehmen – und das ist für die Antike allein mit den gängigen archäologischen Methoden sehr schwierig“, sagt Muth.

Um die Akustik als historischen Faktor zu erforschen, fanden sich 2015 im Exzellenzcluster „Bild – Wissen – Gestaltung“ also Disziplinen zusammen, die normalerweise wenig zusammenarbeiten: die Klassische Archäologie, die Kulturwissenschaft und die Audiokommunikation. Neben Susanne Muth leiten Professor Christian Kassung von der Humboldt-Universität und Professor Stefan Weinzierl von der Technischen Universität das Projekt „Analogspeicher II. Auralisierung archäologischer Räume“. Im visuellen Modell konnten sie relativ einfach nachvollziehen, wie viel das Publikum von der Gestik und Mimik der Redner je nach Tribünenstandort sah. Herauszufinden, ob die Redner auch gut zu verstehen waren, erforderte mehr Aufwand. Zunächst sprach der Schauspieler Boris Freytag in einem schallleeren Raum der Technischen Universität Berlin den Anfang von Ciceros dritter Rede gegen Catilina ein.

Susanne Muth erzählt: „Er sollte so laut sprechen, dass er wie die antiken Redner theoretisch ohne Lautsprecher vor zehntausenden Zuhörern hörbar wäre. Boris Freytag tat uns sehr leid: Er war schon nach ein paar Minuten völlig ausgepowert – trotz seiner Ausbildung als Sprecher.“ Parallel nahmen Projektmitarbeiter bei einer Papstansprache auf dem Petersplatz in Rom „Soundproben“ einer lauschenden Menge. Computerprogramme simulierten aus Rede und Publikum die Klanglandschaft des virtuellen Forum Romanum und seiner unterschiedlichen Bühnenpositionen. Studierende testeten dann, in welcher Entfernung die Rede noch zu verstehen war.

Digitale Rekonstruktion des Forum Romanum mit einer Ansprach von der caesarischen Tribüne, wie sie für Zuhörer aus 70 Meter Entfernung zum Redner ausgesehen hatte.

Digitale Rekonstruktion des Forum Romanum mit einer Ansprach von der caesarischen Tribüne, wie sie für Zuhörer aus 70 Meter Entfernung zum Redner ausgesehen hatte.
Bildquelle: digitales forum romanum, S. Muth; A.Müller, D. Mariaschk

„Unsere interdisziplinäre Zusammenarbeit konnte erstmals den Nachweis liefern, dass das Forum auch aus akustischen Gründen umgebaut wurde“, sagt Susanne Muth. Ausgerechnet der berühmte Redner Cicero habe im Dezember 63 vor Christus noch unter sehr schlechten akustischen und visuellen Rahmenbedingungen auftreten müssen. Die Archäologin geht davon aus, dass Cäsar und seine Berater das Problem erkannten. „Akustik als wissenschaftliche Disziplin gab es im Altertum zwar nicht. Aber das Umsetzen der Rednertribüne zeigt, dass die Ingenieure experimentierten.“

Zwölf Jahre später hatten sie mit Cäsars Tribüne die bestmögliche Lösung gefunden: Deutlich mehr Bürger konnten den Redner nun gut hören und sehen. Und selbst wenn das Forum bis auf den letzten Platz gefüllt war, konnte das Publikum, wenn es vergleichsweise ruhig war, die wichtigsten, besonders prononcierten Passagen der Rede noch verstehen.

„Es war für mich eine Offenbarung, welche Antworten wir finden, wenn andere Disziplinen ihre Fähigkeiten auf archäologische Fragen anwenden.“ 

Susanne Muth resümiert: „Es war für mich eine Offenbarung, welche Antworten wir finden, wenn andere Disziplinen ihre Fähigkeiten auf archäologische Fragen anwenden.“ Unweigerlich entwickelten sich daraus Dutzende neuer Fragen: Trägt zum Beispiel der Klang der lateinischen Sprache weiter als die deutsche Übersetzung der Rede? Welchen Einfluss hatte das Klima auf die Akustik oder die Gestaltung der Fassaden? Die Akustik auf dem Forum erweist sich als spannendes Forschungsfeld. Verschiedene akustische Situationen auf dem Platz sollen nun in einem neuen Projekt mit der Filmuniversität Babelsberg rekonstruiert werden. Susanne Muth freut sich bereits auf die Arbeit: „Da werden richtige Soundscapes entstehen, Klanglandschaften mit Opfertieren, Bauarbeiten oder Markttreiben. Wahrscheinlich war es im Alltag auf dem Forum so laut und chaotisch wie auf einem orientalischen Basar.“