Mehr als drei Dimensionen

Die Veränderung von Raumkonzepten durch Digitalisierung und Globalisierung wird an einem neuen Sonderforschungsbereich an der Technischen Universität Berlin fächerübergreifend untersucht.

24.05.2018

Von Fernbahnhof über Amüsiermeile bis hin zur größten innerstädtischen Baustelle Europas – der Potsdamer Platz und somit  seine Rolle innerhalb Berlins haben sich in den letzten 180 Jahren immer wieder verändert.

Von Fernbahnhof über Amüsiermeile bis hin zur größten innerstädtischen Baustelle Europas – der Potsdamer Platz und somit seine Rolle innerhalb Berlins haben sich in den letzten 180 Jahren immer wieder verändert.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Manche erschließen sich Räume mit ihrem Smartphone, das ihnen den richtigen Weg zeigt. Ohne den kleinen Helfer bliebe ihnen ihre nächste Umgebung verschlossen. Andere sind mit ihrem Smartphone an ganz anderen Orten unterwegs, als an jenen, an denen sie sich aktuell befinden, denn sie sind mit Menschen in Verbindung, die gerade in anderen Gegenden der Welt auf ihr Handy schauen und Bilder von diesen Räumen teilen. Die Digitalisierung verändert unser Verhältnis zu realen wie virtuellen Räumen – und die Globalisierung tut das ihre noch dazu. „Seit den 1990er Jahren erleben wir eine intensive Vervielfältigung von Räumen“, sagt Martina Löw. „Das wirkt sich einerseits auf unseren Alltag aus und hat darüber hinaus erhebliche gesamtgesellschaftliche Folgen.“ Die Planungs- und Architektursoziologin an der Technischen Universität Berlin leitet den neuen, von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich (SFB) „Re-Figuration von Räumen“. Zunächst für vier Jahre untersuchen Forscherinnen und Forscher aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Stadtplanung, Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Geographie an der Technischen Universität, der Freien Universität und der Humboldt-Universität, wie Menschen das Verhältnis zu ihren Räumen neu verhandeln, verändern und umstellen, welche sozialen, politischen und technologischen Folgen das hat – und wie dieser Prozess gesteuert werden kann. Dabei kann das, was mit „Raum“ jeweils gemeint ist, ganz unterschiedliche Arten von Räumen umfassen.

„Digitalisierung und Globalisierung eröffnen einerseits Chancen, stellen andererseits aber auch Sicherheiten in Frage.“

„Dieser sehr fundamentale Wandel in der Art, wie Menschen ihre Räume erfahren und schaffen, kann nicht konfliktfrei von statten gehen“, sagt Löw. Das zeigt sich zum Beispiel auch daran, wie politische Räume sich verändern: „Mit Blick auf die viel diskutierte Globalisierung machen wir etwa die Erfahrung, dass nationalstaatliche Räume als relevante Größe auch von international vernetzten überschrieben werden.“ Dazu gehört unter anderem die EU, über deren Gestaltung und Ausdehnung heftig gestritten wird. Weltweit entstehen auch viele Sonderwirtschaftszonen, die das Prinzip nationalstaatlicher Einheit in Frage stellen. „Digitalisierung und Globalisierung eröffnen einerseits Chancen, stellen andererseits aber auch Sicherheiten in Frage“, sagt Löw. „Je niedriger das Bildungsniveau, je älter die Menschen, je geringer das Einkommen, desto größer ist die Angst vor dem rasanten Wandel.“ Gegenbewegungen kommen etwa im Brexit oder bei der Kündigung von Freihandelsabkommen durch die Trump-Regierung zum Ausdruck. Auch bei verschärftem Grenzschutz der USA an der Grenze zu Mexiko oder den Außengrenzen der EU zeigen sich wachsende Konflikte um Raum.

Martina Löw ist Planungs- und Architektursoziologin an der Technischen Universität Berlin und leitet den neuen, von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich (SFB) „Re-Figuration von Räumen“.

Martina Löw ist Planungs- und Architektursoziologin an der Technischen Universität Berlin und leitet den neuen, von der DFG geförderten Sonderforschungsbereich (SFB) „Re-Figuration von Räumen“.
Bildquelle: Jacek Ruta/TU Berlin

Die Forscher des SFB untersuchen die neue Raumstrukturen und das neue Raumwissen interdisziplinär. Ihr Ziel ist es, eine umfassende Perspektive für die Analyse des gegenwärtigen Wandels der sozialen Ordnung zu entwickeln. ‘Hier existiert ein Spannungsverhältnis zwischen dem klassischen Modell einer sich weltweit durchsetzenden Moderne mit ihren zentralistischen Nationalstaaten, Grenzen und Volkswirtschaften und der post- oder spätmodernen Transnationalisierung mit ihrer Entgrenzung, ihrem Polyzentrismus und globalisierenden Ausweitung“, erklärt Löw. „Aus dieser Spannung resultiert die Re-Figuration von Räumen.“ Eine relevante Rolle spielt dabei die Stadt als Lebensraum. Städte sind Knotenpunkte der Globalisierung und oft auch technische Vorreiter bei der Digitalisierung.

„Im städtischen Maßstab kann dieser fundamentale Wandel durch die Lokalpolitik einfacher moderiert und gestaltet werden“, so Löw. „Planung und Architektur haben sich bereits mit den komplexen Mechanismen der Raumkonstitution verändert, die Beteiligung der Bürger etwa wird wichtiger.“ Wie konsequent schon heute Räume und damit unser Leben durchgeplant werden, zeigt das Beispiel Songdo in Südkorea, eine Smart City, so groß wie Downtown Boston, nur höher und dichter, die man inzwischen als Gesamtpaket kaufen und wie ein Fertighaus und an verschiedenen Orten einfach implantieren kann. Die Stadt wie aus einer Bastelkiste wurde bereits zwei Mal nach China verkauft. Ein Immobilienentwickler hatte sie für 40 Billionen Dollar gestaltet. Der Prototyp Songdo soll künftig doppelt so schnell zum halben Preis reproduziert werden: Die gleiche Lichtstrategie, das gleiche Verkehrsleitsystem, die gleichen Aufzüge, Klimaanlagen, Monitore in den Häusern. Doch das Besondere der „mitdenkenden Stadt“ ist: Dort kann man nicht nur seine dementen Eltern georouten lassen, sondern auch seine Kinder auf Spielplatz überwachen oder seinen eigenen Energieverbrauch mit dem der Nachbarn vergleichen.

„Berlin erzieht seinen Einwohnern eine gewisses Einzelgängertum an.“

Auch Berlin ist ein Vorreiter bei der Re-Figuration von Räumen – als Wissenschaftsstandort: Hier treffen Forschungen zur Raumtheorie, eine intensive Kooperation zwischen Architektur, Planung und Sozialwissenschaft sowie eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Geographie und Raumsoziologie aufeinander. „Das sind einmalige Konstellationen“, sagt Löw. „Sie versprechen erstens die Entwicklung innovativer raumwissenschaftlicher Methoden und zweitens ein durch den SFB vorangetriebenes Entstehen einer transdisziplinären Raumforschung. Die Stadttheoretikerin Löw, die sich in ihrer Forschung auch mit der deutschen Hauptstadt beschäftigt hat, ist sich sicher, dass Berlin seinen Bewohnern ein gewisses Einzelgängertum anerzieht: „Fast überall betonen Menschen, dass es etwas Gemeinsames und Verbindendes in ihrer Stadt gibt – nur in Berlin sagen die Leute: ‚Wir haben nichts Gemeinsames!‘.“ Dass es auch anders geht, möchte der SFB nun mit seiner interdisziplinären und hochschulübergreifenden Arbeit zumindest auf dem Feld der Raumforschung beweisen. Leiterin Löw will zudem gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Hubert Knoblauch, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Berlin, praktische Fragen beantworten: „Unter dem Dach der Re-Figurationskonzeption wollen wir mit Raumanalysen eine Antwort auf die Frage ermöglichen: In welcher Gesellschaft leben wir heute – und wie soll es morgen aussehen?“