„Integration ist mehr als Sprachkurs und Arbeit“

Die Bedeutung von Werten und Gefühlen für Integration: Soziologen der Freien Universität, Mediziner und Psychologen der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie weitere Kooperationspartner erforschen Einwanderung als emotionalen Prozess.

15.05.2018

Emotionen sind ein wichtiger Bestandteil von Integration. Im Forschungsprojekt AFFIN werden deshalb sowohl die Gefühlswelten von Geflüchteten als auch die der Aufnehmenden erforscht.

Emotionen sind ein wichtiger Bestandteil von Integration. Im Forschungsprojekt AFFIN werden deshalb sowohl die Gefühlswelten von Geflüchteten als auch die der Aufnehmenden erforscht.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Flucht und Migration sind hochemotionale Themen: Es geht um Menschenliebe oder Fremdenhass. Um Sich-Akzeptiert-Fühlen oder Einsam-Sein. Auch als die 14-jährige Reem Sahwil 2015 in einem Bürgerdialog mit Angela Merkel nach einer Aussage der Bundeskanzlerin zu weinen begann und Merkel sie dann vor laufenden Kameras versuchte zu trösten, diskutierte Deutschland über Gefühle: War die Kanzlerin zu „kaltherzig“ zu dem von Abschiebung bedrohten Mädchen?

Obwohl das Gefühlsleben offensichtlich zentral ist für das, was wir Integration nennen, gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse darüber, wie sich die Menschen fühlen, während sie hier ankommen und aufgenommen werden. Auch die emotionalen Prozesse der Aufnehmenden, der Deutschen und schon länger in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten, sind noch nicht systematisch untersucht worden. In der Sichtweise „Den Flüchtlingen geht es doch gut hier“ schwingt Neid mit, in der Feststellung, „Viele sind traumatisiert“ eher Mitleid. Doch beiden Behauptungen fehle die wissenschaftliche Grundlage, sagt Christian von Scheve, Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

"Das Einleben in eine neue Gesellschaft ist ein komplexer Prozess und kann emotional belastend sein."

Mit dem Forschungsprojekt AFFIN soll sich das ändern. Drei Jahre lang untersuchen Soziologen und Psychiater im engen Austausch, wie sich Einwanderer und Deutsche fühlen, wenn sie aufeinandertreffen, und welchen Anteil diese Gefühlswelten daran haben, ob Integration gelingt. Die Abkürzung AFFIN steht für „Affektive und kulturelle Dimensionen von Integration infolge von Flucht und Zuwanderung“. Neben den Soziologen der Freien Universität und dem Centrum für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie der Charité – Universitätsmedizin Berlin sind auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit seinem Sozialökonomischen Panel (SOEP) und das Institut für Soziologie der Universität Göttingen beteiligt.

Malek Bajbouj ist Professor für Psychiatrie und Affektive Neurowissenschaften an der Charité.

Malek Bajbouj ist Professor für Psychiatrie und Affektive Neurowissenschaften an der Charité.
Bildquelle: Wiebke Peitz

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schauen in die Köpfe und die Herzen der Menschen, weil sie überzeugt sind, dass Integration nicht wie eine Checkliste funktioniert: Integrationskurs gemacht, Arbeit gefunden, fertig. Ihre These ist: Ebenso wichtig sind Emotionen und Werte – doch die lassen sich nicht so leicht messen.

„Klassische Parameter für Integration sind Arbeit und Sprache“, sagt Malek Bajbouj, Professor für Psychiatrie und Affektive Neurowissenschaften an der Charité, der selbst syrische Eltern hat. „Es gibt aber Menschen, die nach diesen Kriterien sehr gut integriert sind und trotzdem ein ungesund hohes Stresslevel haben.“ Sich neu einzuleben in eine Gesellschaft sei ein komplexer Prozess und könne sehr belastend sein. „Für manche sind die Sorgen und der Stress so schlimm, dass sie klinische Syndrome entwickeln“. Fluchterfahrungen können traumatisieren, Isolation kann sehr stressreich sein.

Christian von Scheve ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.

Christian von Scheve ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Dass die meisten Geflüchteten, die Deutschland aufnimmt, traumatisiert seien, will der Experte so jedoch nicht stehenlassen: „Das vorherrschende Bild ist: Jeder, der aus Bürgerkriegsregionen kommt, hat eine posttraumatische Belastungsstörung und braucht eine Traumatherapie.“ Bajbouj weiß aber durch den Vergleich von syrischen Patienten in Berlin mit denen aus einer Klinik, die 50 Kilometer von der syrisch-jordanischen Grenze entfernt liegt: „Wer es bis zu uns geschafft hat, ist widerstandsfähiger, seltener und weniger stark traumatisiert. Die am schlimmsten Betroffenen kommen nicht bis nach Deutschland, schaffen es vielleicht nicht einmal über die syrische Grenze.“

"Das besondere an AFFIN ist, dass wir Mikro- und Makroebene systematisch verbinden."

Das pauschale Konstrukt „die Flüchtlinge“ gibt es bei der AFFIN-Fragestellung genau so wenig wie „die Deutschen“. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten mit mehreren Quervergleichen. Sie vergleichen syrische Geflüchtete in unterschiedlichen Aufnahmeländern, Einwanderer in Deutschland aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen, zum Beispiel afghanische mit vietnamesischen Gruppen. Und sie differenzieren auch die einheimischen Deutschen, etwa nach Kommunen mit viel oder wenig Flüchtlingskontakt.

„Das Besondere ist, dass wir dabei die Mikro- und Makroebene systematisch verbinden“, sagt Verbundkoordinator von Scheve, der sich einmal pro Monat mit Bajbouj und anderen Forschenden trifft. Die Soziologen untersuchen die Großgruppen aus der Vogelperspektive, die Psychiater nehmen den Einzelfall unter die Lupe.

Persönlicher Kontakt spielt in Integrationsprozessen eine wichtige Rolle. Das Welcome@FUBerlin Buddy Programm der Freien Universität bringt Geflüchtete und Deutsche bzw. schon länger in Deutschland lebende Migranten und Migrantinnen zusammen.

Persönlicher Kontakt spielt in Integrationsprozessen eine wichtige Rolle. Das Welcome@FUBerlin Buddy Programm der Freien Universität bringt Geflüchtete und Deutsche bzw. schon länger in Deutschland lebende Migranten und Migrantinnen zusammen.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Für beide Disziplinen sind Befragungen ein klassisches Instrument, doch das interdisziplinäre Projekt stellt besondere Ansprüche an die Interviews und Umfragen, mit denen die Werte und Gefühle empirisch belegt werden sollen. Eine Befragung, die das SOEP in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) regelmäßig unter 4.500 Geflüchteten durchführt, wurde schon mithilfe von Psychiatrie-Experten gezielt um Fragen erweitert, die Rückschlüsse auf die individuelle Belastung und das Stresslevel der Befragten erlauben. „Das werten wir jetzt erstmalig für Deutschland aus“, erklärt Bajbouj. Auch für kommende Interviews und Interviewserien arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den unterschiedlichen Disziplinen eng zusammen. „Ein Interview für die Soziologie funktioniert natürlich anders als eins, das Psychiater führen“, sagt von Scheve. Das werde bei den Schulungen der Interviewer berücksichtigt, genauso wie sich die Beteiligten zum Auftakt erst einmal über Begriffe und Definitionen abstimmen. Hinzu kommt, dass viele Geflüchtete politisch verfolgt wurden und deshalb sehr vorsichtig sind. Malek Bajbouj: „Wenn die Dolmetscher einen Akzent haben, der für Machthaber Assad und seine Region typisch ist, kehrt kein Syrer mehr sein Innerstes nach außen. Auch dafür müssen wir sensibilisiert sein.“

Die Erkenntnisse nach drei Jahren Interviews und Quervergleichen sollen dazu beitragen, dass Integration künftig besser funktioniert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die AFFIN-Forschung mit rund 825.000 Euro. „Wir können natürlich nicht vorgreifen,“, sagt Bajbouj, „aber wenn sich herausstellen sollte, dass die Flüchtlinge gar nicht so anders sind als der durchschnittliche Deutsche, dann wäre das ein willkommenes Gegengift gegen pauschale oder populistische Aussagen.“