Den eigenen Weg finden

Der 6. Karrieretag für Promovierende, veranstaltet von Dahlem Research School (Freie Universität Berlin) und Humboldt Graduate School (Humboldt-Universität zu Berlin), möchte Promovenden bei der Karrierefindung unterstützen.

01.04.2018

Fünf Vertreterinnen von Berliner Kunst- und Kultureinrichtungen stellten ihre persönlichen Karrierewege vor: Nadine Riedl, Jana Martina Kopp, Miriam Kühn, Sonja Longolius und Ulrike Kretzschmar.

Fünf Vertreterinnen von Berliner Kunst- und Kultureinrichtungen stellten ihre persönlichen Karrierewege vor: Nadine Riedl, Jana Martina Kopp, Miriam Kühn, Sonja Longolius und Ulrike Kretzschmar.
Bildquelle: Sören Maahs

Wissenschaft oder freie Wirtschaft? Für das Leben nach der Promotion gibt es keine Patentlösung. „Niemand kann Ihnen sagen, welcher Weg der beste ist“, sagte Peter A. Frensch, Vizepräsident für Forschung der Humboldt-Universität zu Berlin, vor den versammelten Doktoranden. „Ignorieren Sie also alles, was Leute wie ich Ihnen erzählen.“ Dabei, den eigenen Weg zu finden, auch, indem man sich mit Kolleginnen und Kollegen austauscht und das Gespräch mit potenziellen Arbeitgeberinnen und -gebern sucht, will der jährliche Karrieretag unterstützen.

Auf dem Programm standen fünf Podiumsdiskussionen mit anschließenden Fragerunden, die Themen reichten von Forschung über Wissenschaftsmanagement hinein in die Privatwirtschaft, die Kultur, in Politik und Verwaltung. 23 Berufstätige mit und ohne Doktortitel berichteten von ihren persönlichen Werdegängen, erzählten aus ihrem Berufsalltag und beantworten Fragen der Anwesenden zum Berufseinstieg, zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie zu erforderlichen beruflichen Kompetenzen.

Jedes Jahr werden etwa 29.000 Menschen in Deutschland promoviert, die allermeisten von ihnen – 80 Prozent – bleiben auf lange Sicht nicht an der Hochschule, berichtet die Doktorandin Doreen Forbrig von der Freien Universität in ihrem Vortrag über die Karriereziele und den beruflichen Verbleib des wissenschaftlichen Nachwuchses. Frau Forbrig stützte sich auf die Ergebnisse der universitätsweiten „Mittelbau-Studie“ der Freien Universität. So konnte ermittelt werden, dass fachübergreifend etwa die Hälfte der Promovierenden die Absicht hat, eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen. Schaue man sich aber den langfristigen beruflichen Verbleib an, ergebe sich ein anderes Bild: Von allen Promovierten in Deutschland seien nur etwa 15 Prozent an Hochschulen tätig. „Die außeruniversitäre Karriere ist eigentlich der Standardweg und nicht, wie oft behauptet, der ‚alternative‘ Karriereweg“, resümierte Forbrig.

Die vielen Qualitäten der Promovierten

Wer eine Promotion abgeschlossen habe, müsse keine Angst vor dem Schritt auf den Arbeitsmarkt haben. Eine Promotion führe mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer ausbildungsadäquaten Beschäftigung und höherem Einkommen als ein Bachelor- oder Masterabschluss. Ein Jahr nach der Promotion, sagte Forbrig, hätte etwa die Hälfte der Befragten einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Zwei Jahre danach liege die Arbeitslosenquote bei drei Prozent. Kurz: „Die Aussichten sind besser, als es sich mitunter in der Promotionsphase anfühlen mag.“

Wer einen Doktortitel habe, sei auch deshalb so begehrt bei Arbeitgebern, weil dadurch überfachliche Kompetenzen nachgewiesen würden, sagte Peter Frensch. Die jeweiligen Fachkenntnisse, Erfahrungen im Projektmanagement, Engagement in der Lehre – all dies sei auch für den außerakademischen Arbeitsmarkt von großem Wert.

Der Ingenieur und promovierte Informatiker Ilja Radusch, Geschäftsbereichsleiter beim Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme, berichtete, dass er in seinen Einstellungsentscheidungen besonders auf das Potenzial der Jobkandidaten schaue. Es seien vor allem methodische Kompetenzen, die den Weg in den zukünftigen Beruf ebneten. Dazu zählten Fähigkeiten wie das Schreiben wissenschaftlicher Texte, analytisches Denken oder das Präsentieren komplexer Sachverhalte. Außerdem hätten Promovenden schon unter Beweis gestellt, dass sie über Beharrlichkeit und Frustrationstoleranz verfügen.

Auf der Podiumsdiskussion zum Arbeitsfeld Forschung sprachen (v.l.n.r.) Volker Brinkmann, Luuk Molthof und Ilja Radusch.

Auf der Podiumsdiskussion zum Arbeitsfeld Forschung sprachen (v.l.n.r.) Volker Brinkmann, Luuk Molthof und Ilja Radusch.
Bildquelle: Sören Maahs

Der Weg zum beruflichen Erfolg mag nicht immer in den Bahnen strategischer Planbarkeit verlaufen, ein Geheimwissen ist aber auch nicht nötig. Manchmal brauche es nur ein bisschen Glück, erzählte der frisch promovierte Politikwissenschaftler Luuk Molthof. Seine erste Arbeitsstelle hat ihn zum Think Tank dpart geführt, wo er für die Durchführung und Analyse von Interviews mit Entscheidungsträgern verantwortlich ist. Das Forschungsprojekt untersucht, wie die Bürger sechs europäischer Staaten die Demokratien in ihren Ländern wahrnehmen. Schon während der Promotion habe Molthof gewusst, dass er nicht an der Hochschule bleiben würde. Er bewarb sich auf verschiedenste Stellen, die alle „etwas mit Politik“ zu tun gehabt hätten. Heute ist er sehr glücklich darüber, in der Forschung zu arbeiten.

Eine weitere Erkenntnis der Podiumsdiskussion: Eine Promotion braucht Zeit, um auch auf bisher Ungedachtes stoßen zu können. Die Kunsthistorikerin Miriam Kühn etwa leitete während ihrer Dissertationszeit unter anderem ein groß angelegtes Digitalisierungsprojekt am Museum für Islamische Kunst. Dabei wurden Daten von 11.000 Objekten der Museumssammlung zu Datierung, Herkunft, Materialien und Herstellungstechniken erfasst, fotografisch dokumentiert und online der internationalen Forschung zugänglich gemacht. Heute ist Miriam Kühn Kuratorin am Museum für Islamische Kunst. Zwar habe der Doktortitel für ihre tägliche Arbeit kaum Relevanz, allerdings schrieben viele staatliche Museen schon Volontariate dezidiert für promovierte Geisteswissenschaftler aus („Promotion erwünscht“). Nadine Riedl, die die vom Exzellenzcluster Topoi herausgegebene Buchreihe „Edition Topoi“ redaktionell betreut, gibt indes Entwarnung: „Man sollte sich auch auf Stellen bewerben, wenn man nicht alle Kriterien erfüllt.“

Die Kunsthistorikerin Sonja Longolius möchte promovierten Berufseinsteigern mit ihrer eigenen Geschichte Mut machen. Die Mutter zweier Kinder im Grundschulalter erwarb 2015 ihren Doktortitel an der Graduiertenschule am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien. Es schloss sich eine zweijährige Bewerbungsphase an, während der sie mehr als achtzig Stellen anschrieb. Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt: Seit Anfang dieses Jahres ist sie eine von zwei Leiterinnen des Literaturhauses Berlin.

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