Begegnung mit einem Rhinozeros

Comics zum Thema Krankheit in der Ausstellung „Sick!“ von Literaturwissenschaftlerinnen der Freien Universität Berlin im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité.

27.01.2018

Bis 04. März 2018 stellen die Comics im Berliner Medizinhistorischen Museum die vielfältigen Erfahrungen mit medizinischen Diagnosen, Leiden, Genesung, Pflege und Therapie dar.

Bis 04. März 2018 stellen die Comics im Berliner Medizinhistorischen Museum die vielfältigen Erfahrungen mit medizinischen Diagnosen, Leiden, Genesung, Pflege und Therapie dar.
Bildquelle: Sick - Kranksein im Comic

Manchmal taugen auch Haare als diagnostisches Instrument. Im Ausstellungsbeitrag „Calvariae Locus“, auf Deutsch: „Schädelstätte“, sind es die langen schwarzen Haare der Protagonistin, die ein Eigenleben entwickeln, zu wachsen scheinen und sie einhüllen oder wie vielgliedriges Wurzelwerk ans Bett fesseln – und so ein prägnantes Bild der Krankheit Depression entstehen lassen. Der Comic eines portugiesischen Zeichnerinnen- und Autoren-Teams ist in der Ausstellung „Sick! Kranksein im Comic“ zu sehen, die noch bis zum 4. März im Berliner Medizinhistorischen Museum zu sehen ist.

Wie alle dort gezeigten Beiträge ist er eine Einsendung zu einem internationalen „Call for Comics“. Insgesamt werden Comics aus acht Ländern präsentiert, die persönlich, kritisch und mitunter auch humorvoll die vielfältigen Erfahrungen von Diagnose, Therapie, Behinderung, Pflege und des Alltagserlebens thematisieren und dabei jeweils eigene künstlerische Darstellungsweisen entwickeln. Im Comic des britischen Zeichners Aneurin Wrigt etwa steckt der alte, lungenkranke Vater des Protagonisten nicht in einem menschlichen Körper, sondern wird als schwerfälliges, misstrauisches Rhinozeros porträtiert.

Zwischen Regalen mit anonymisierten, konservierten Krankheitsansichten werden die Comics den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung präsentiert.

Zwischen Regalen mit anonymisierten, konservierten Krankheitsansichten werden die Comics den Besucherinnen und Besuchern der Ausstellung präsentiert.
Bildquelle: Sabine Gudath

Die Ausstellung ist das Projekt der Arbeitsgruppe „PathoGraphics“ an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien der Freien Universität Berlin. Im Zentrum des von der Einstein-Stiftung Berlin geförderten Forschungsvorhabens stehen Krankheitserzählungen in Comics und Literatur, die, wie die Leiterin Irmela Marei Krüger-Fürhoff, Professorin für Neuere deutsche Literatur, sagt, bislang selten systematisch miteinander verglichen worden seien. Mit ihrer Arbeit wollen die Wissenschaftlerinnen zudem zu einem Austausch mit Ärztinnen und Ärzten und anderen im klinischen Bereich arbeitenden Personen beitragen. Zu dem interdisziplinären Team gehören auch die promovierte Literaturwissenschaftlerin Nina Schmidt und Comic-Zeichnerin Stef Lenk. Für die Ausstellung kamen die Kuratorin und promovierte Kunsthistorikerin Uta Kornmeier und der Medizinhistoriker Professor Thomas Schnalke, der das Museum leitet, hinzu.

Die Comics werden im Museum als Intervention im historischen Präparate-Saal Rudolf Virchows gezeigt. Zwischen den Regalen mit den anonymisierten, konservierten Krankheitsansichten, die auch heute noch für die Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten genutzt werden, verweisen sie auf das subjektive, emotionale Erleben von Krankheit. Sie machen deutlich, wie es Susan Merrill Squier, Professorin für Gender Studies an der Pennsylvania State University und als Einstein Visiting Fellow an dem Projekt beteiligt, in ihrem Katalog-Beitrag formuliert: „Die klinische und medizinische Sicht [ist] nur eine (begrenzte) Möglichkeit auf Krankheit und Behinderung zu blicken.“

Weitere Informationen

Ausstellung
noch bis zum 4. März 2018.
Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Virchowweg 17, 10117 Berlin.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag, Freitag und Sonntag 10–17 Uhr; Mittwoch und Samstag 10–19 Uhr; Montag geschlossen

Katalog
Zur Ausstellung ist ein zweisprachiger, von der Künstlerin Stef Lenk gestalteter Katalog erschienen. Dieser ist in der Ausstellung kostenlos erhältlich und als E-Publikation

Arbeitsgruppe PathoGraphics
Projektwebsite
der Arbeitsgruppe PathoGraphics