Literatur und Leben

Der Literaturwissenschaftler und Leibniz-Preisträger Steffen Martus untersucht die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Literatur, Wissenschaft und Gesellschaft.

15.01.2018

Steffen Martus erhielt 2015 den renommierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis. Seine Publikationen sind nicht nur wissenschaftliche Standardwerke, sondern auch bei nicht-akademischem Publikum beliebt.

Steffen Martus erhielt 2015 den renommierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis. Seine Publikationen sind nicht nur wissenschaftliche Standardwerke, sondern auch bei nicht-akademischem Publikum beliebt.
Bildquelle: David Ausserhofer

Manchmal, wenn er an einem Sommertag ganz früh morgens mit dem Fahrrad über die Museumsinsel zur Humboldt-Universität fahre, dann erfasse ihn ein regelrechtes „Madeleine-Gefühl“, sagt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus. Jenes Gefühl also, das in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vom Geschmack eines französischen Küchleins ausgelöst wird und Erinnerungen so unmittelbar wachruft, dass es scheint, als sei die Vergangenheit lebendig geworden. Während Steffen Martus solche „auratischen Momente“ in seiner ersten Zeit in Berlin Mitte der 1990er Jahre recht oft erlebte, muss er sich heute immer wieder selbst daran erinnern, „an welchem verrückt-schönen Ort man hier eigentlich arbeitet“.

Martus‘ Arbeitsplatz ist die Humboldt-Universität, die als erste Berliner Universität 1810 gegründet wurde und an der viele der Autoren und Literaturwissenschaftler wirkten, über die Steffen Martus forscht. Bis heute kommt er mit dem Fahrrad in die Uni. Allerdings nicht mehr, um mußevolle Momente Unter den Linden zu erfahren, sondern „um schneller von Schreibtisch zu Schreibtisch zu gelangen.“ Das ist offensichtlich wörtlich zu verstehen, denn seinen Parkplatz hat das Rad direkt neben Martus‘ Arbeitsplatz im 5. Stock des Instituts für deutsche Literatur der Humboldt-Universität in der Dorotheenstraße. Seit 2010 hat der 49-Jährige hier eine Professur inne. Außerdem ist er Mitherausgeber unter anderem der „Zeitschrift für Germanistik“ und von „text + kritik“, sitzt in diversen Beiräten, in Jurys von Literaturpreisen und ist Sprecher des DFG-Fachkollegiums für Literaturwissenschaft. Daneben schreibt er regelmäßig Rezensionen in den Feuilletons von „Berliner Zeitung“, „Süddeutscher Zeitung“, „FAZ“ und „Zeit“.

2015 erhielt Steffen Martus den renommierten Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis und wurde damit unter anderem für die Zielstrebigkeit und Geschwindigkeit geehrt, in der er sich als „richtungsweisender Vertreter der deutschen Literaturwissenschaft Anerkennung erworben hat“. Dabei erinnert er den Verlauf seiner akademischen Karriere als durchaus nicht zielstrebig, sondern geprägt von Zufällen, glücklichen Momenten und vor allem von passenden „Milieus“, aus denen heraus sich gute Entscheidungen einfach ergaben. Schon dass der gebürtige Karlsruher sein Studium der Deutschen Philologie, Philosophie, Soziologie und Politologie in Regensburg begann, sei von Gesprächen im Freundeskreis inspiriert worden. Zur Lebensaufgabe sei Literaturwissenschaft dann ausgerechnet in einem Seminar geworden, dessen Dozent nicht vorbereitet war. Martus erzählt: „Die Konflikte im Seminar bewirkten bei uns Studierenden eine eigentümliche Selbstaktivierung. Bei mir hat sich eine Art Schalter umgelegt.“ In der Arbeit für dieses Seminar beschäftigte er sich zum ersten Mal mit der Romantik, die ihn seitdem nicht mehr losgelassen hat.

Das Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin: Hier hat Steffen Martus seit 2010 die Professur für Neuere deutsche Literatur inne.

Das Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin: Hier hat Steffen Martus seit 2010 die Professur für Neuere deutsche Literatur inne.
Bildquelle: Matthias Heyder

Solche zufälligen Zusammenhänge interessieren Martus bis heute. Bei seinen eigenen Lehrveranstaltungen, für die er 2002 mit einem Preis für gute Lehre ausgezeichnet wurde, aber auch bei der Erforschung von Literatur: „Man muss all das mitbedenken, was beiläufig passiert, ungeplant, ungewollt, unmotiviert, vielleicht sogar gelangweilt.“ Wenn er sich mit der Literatur eines Autors oder einer Epoche beschäftigt, dann geht es ihm nicht um das literarische Werk allein. Seine Arbeiten sind detailreiche Interpretationen der Funktion, die Literaten und Literatur für eine Gesellschaft haben: „Es ist ein Versuch, Literatur möglichst umfassend in ihre politischen, ökonomischen und sozialen Zusammenhänge einzubetten – bis hin zu Trivialitäten und Alltäglichkeiten.“

„Bei der Erforschung von Literatur muss man all das mitbedenken, was beiläufig passiert, ungeplant, ungewollt, unmotiviert, vielleicht sogar gelangweilt.“ Steffen Martus

Beispiele dafür sind Martus‘ 2009 erschienene Doppelbiografie der Brüder Grimm und sein 2015 veröffentlichtes Epochenbild der deutschen Aufklärung. Sie gelten bereits als Standardwerke und kommen – trotz ihres Umfangs und des wissenschaftlichen Apparats – auch beim nicht-akademischen Publikum gut an. Seine wissenschaftliche Tätigkeit wiederum profitiere ungemein davon, dass er die Arbeit hinter den Kulissen populärer Verlagen erlebe und selbst auf Lesereise gehe. Beispielsweise habe er sich bei der historischen Recherche oft gefragt, warum ein literarisches Werk von den Zeitgenossen schlicht übersehen wurde. „Mittlerweile habe ich gemerkt, wie unfassbar unwahrscheinlich es ist, dass eine Leserin oder ein Leser mit einem Buch in Kontakt kommt, sich dafür interessiert, Geld ausgibt und dann auch noch Lesezeit investiert“, sagt Martus. „Frappierend und interessant“ sei es für ihn auch gewesen, zu erfahren, welche Erkenntnisse über unsere heutige Gesellschaft Leserinnen und Leser in seinen Büchern suchen. „Sie können sich eine ungezähmtere Neugierde erlauben als ein Wissenschaftler, der versucht, seine Forschungsgegenstände auf Abstand zu halten.“

Öffentliche Bücherschränke ermöglichen es, gelesene Bücher weiterzugeben und neue Werke zu entdecken. Sie prägen so das alltäglich-triviale Leben mit Literatur – den zentralen Untersuchungsgegenstand in einem vom Martus' Forschungsprojekten.

Öffentliche Bücherschränke ermöglichen es, gelesene Bücher weiterzugeben und neue Werke zu entdecken. Sie prägen so das alltäglich-triviale Leben mit Literatur – den zentralen Untersuchungsgegenstand in einem vom Martus' Forschungsprojekten.
Bildquelle: flickfr/Vs Heidelberg Photos

Für eines seiner nächsten Projekte wird Steffen Martus nochmals völlig umdenken müssen. Dann kommuniziert er nicht mehr nur mit Menschen über Literatur, sondern mit Maschinen. Mithilfe von Big Data unternimmt er als Teil einer kleinen Forschergruppe, zu der auch Informatiker zählen, eine Komplettvermessung der DDR-Literatur. „Ich bin sehr gespannt, welche Erkenntnisse auf uns warten, wenn wir nicht nur die bekannten Autorinnen und Autoren berücksichtigen, sondern zusätzlich hunderte andere, die zur gleichen Zeit literarisch gearbeitet haben.“ Schon jetzt beobachtet er, dass Computer die Fragestellungen und Arbeitsweisen der Literaturwissenschaften in den kommenden Jahren verändern werden. Das betreffe nicht nur die Verfügbarkeit von Daten, sondern auch die Beziehungen und Vertrauensverhältnisse zwischen Forschenden verschiedener Disziplinen: „Ich traue mir ein Urteil darüber zu, ob eine Interpretation plausibel ist. Bei einer Statistik sieht das anders aus.“ Solche Veränderungen in der alltäglichen Arbeit von Geisteswissenschaftlern erkundet Martus in Projekten zur sogenannten Praxeologie der Literaturwissenschaften. Auch dabei arbeitet er mit Vertretern der Digital Humanities zusammen, um auf der Grundlage großer Datenmengen Strukturen und Prozesse der Wissenschaftsgeschichte zu rekonstruieren.

In einem zweiten Projekt wird Martus wieder stärker mit den herkömmlichen Methoden der Literaturwissenschaft arbeiten: Er möchte die Literatur der Gegenwart so analysieren, kontextualisieren und beschreiben, wie man das üblicherweise mit vergangenen Epochen der Literaturgeschichte täte. „Ich frage mich, was man über unsere Gegenwart lernen kann, wenn man sie ausschließlich aus der Perspektive der Literatur wahrnimmt.“ So wird es um gesellschaftliche Debatten und literarische Themen genauso gehen wie um Vertriebsmöglichkeiten oder Arbeitsbedingungen. Und darum, was Menschen heutzutage mit Büchern eigentlich machen – außer sie zu lesen. Um unser triviales, alltägliches Leben mit Literatur also.