Berliner Neurowissenschaften – reine Nervensache

10 Jahre NeuroCure: Dietmar Schmitz, Sprecher des Exzellenzclusters NeuroCure über interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in neue Therapien.

01.12.2017

Dietmar Schmitz ist Sprecher des Exzellenzclusters NeuroCure.

Dietmar Schmitz ist Sprecher des Exzellenzclusters NeuroCure.
Bildquelle: Pablo Castagnola

Im Exzellenzcluster NeuroCure ergründen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie die Lebenssituation von Patienten mit neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen verbessert werden kann. Im Mittelpunkt des interdisziplinären Verbundes an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der gemeinsamen medizinischen Fakultät von Humboldt-Universität und Freier Universität, steht der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung. Als Forschungsverbund aus der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder mit universitären und außeruniversitären Partnern trägt NeuroCure zu einem besseren Verständnis von Krankheitsmechanismen bei, um so wirksame Therapien sowie neue diagnostische Ansätze zu entwickeln. Dietmar Schmitz, Sprecher des Exzellenzclusters Professor für Zelluläre und Molekulare Neurobiologie und Direktor des Neurowissenschaftlichen Forschungszentrums an der Charité, blickt zurück.

Professor Schmitz, vor zehn Jahren wurde das interdisziplinäres Konsortium gegründet und Exzellenzcluster NeuroCure bewilligt. Was hat sich seitdem getan?

Eine ganze Menge! Was mich natürlich sehr freut ist, dass wir über NeuroCure tolle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Berlin holen konnten; insgesamt gab es – von Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leitern über Juniorprofessuren und Professuren – rund 25 Neuberufungen. Das Verhältnis und die Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschern und Klinikern ist sehr gut. Das neu errichtete Forschungsgebäude, das Charité CrossOver mit modernen Forschungs- und Lehrflächen, bietet uns ideale Bedingungen für die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung, die sogenannte „Translation“. Deshalb kommen die Expertinnen und Experten aus aller Welt gerne zu uns.

Welchen Ruf hat Berlin in der Neuroszene weltweit?

Berlin ist ja in vieler Hinsicht attraktiv und hat einen besonderen Standortvorteil. Weil es mehrere Universitäten, die Charité und viele außeruniversitärer Einrichtungen gibt, kann man sich hier auch in der Wissenschaft exzellent vernetzen. Mit all unseren Kooperationspartnern konnten wir im Rahmen von NeuroCure ein Netzwerk aufbauen, in dem viel Potential für neue Ideen und deren Umsetzung steckt. Das zieht Neurowissenschaftler aus aller Welt an. Gerade bei unseren Programmen für den wissenschaftlichen Nachwuchs verzeichnen wir eine sehr hohe Bewerberzahl, besonders unser internationales Doktorandenprogramm „Medical Neuroscience“ ist stark nachgefragt.

Welchen Anteil hat der Exzellenzcluster an der Attraktivität Berlins für Neurowissenschaftler?

Ich glaube mit dem Exzellenzcluster hat die Berliner Neuroszene international mehr Gewicht bekommen. Berlin hat sich zu einem Standort neurowissenschaftlicher Spitzenforschung entwickelt, was sich vor allem in der Qualität der Lehre durch den Zuwachs exzellenter Gastwissenschaftler und der Entstehung neuer interessanter Projekte, wie beispielsweise dem Einstein-Zentrum für Neurowissenschaften (ECN), messen lässt. Wir möchten mit diesem Zentrum Teildisziplinen enger vernetzen, um den Forschungsstandort international noch sichtbarer zu machen und Nachwuchswissenschaftler auf höchstem Niveau auszubilden.

Das CrossOver-Gebäude auf dem Charité Campus Mitte.

Das CrossOver-Gebäude auf dem Charité Campus Mitte.
Bildquelle: Kerstin Müller

Was hat Sie nach Berlin geführt?

Ich habe schon nach dem Studium in Köln kurz nach der Wende an der Charité in Berlin studiert und geforscht. Seit 2003, nach einem mehrjährigen Forschungsaufenthalt in den USA, lebe ich wieder hier. Die Charité hatte damals – als eine der ersten Institutionen in Deutschland – die Juniorprofessur eingeführt. Mit meinen Kollegen aus der Grundlagenforschung, Achim Kramer und Christian Spahn, gehörte ich zur ersten Kohorte dieser jungen Professoren an der Charité. Im Vergleich zu heute war die Neuroszene in Berlin damals überschaubar, aber Dank „NeuroCure“ sowie auch anderer Struktur-Projekte – etwa dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, das 2009 eingerichtet wurde – hat sich in Berlin ein ganz tolles Umfeld entwickelt.

Was treibt Sie bei Ihrer Arbeit an?

Es ist mein Wunsch Krankheiten zu ergründen und wirksame Therapieansätze zu entwickeln. Dazu kommt auch das stimulierende Arbeitsumfeld, der Berliner Diskurs und Diskussionen mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Mir ist klar, dass wir nicht alle Details ergründen können, aber auch kleine Fortschritte motivieren mich sehr in der täglichen Arbeit. Dabei gehört das stetige Suchen nach Antworten dazu. Es sind viele kleine Beobachtungen in vielen Laboren, die die Hirnforschung in den großen Fragen voranbringen. Um unbekannte, komplexe Prozesse zu verstehen, muss man aufmerksam auf verschiedenste kleine Details achten, auch wenn sie mit dem jetzigen Verständnis im gegebenen Zusammenhang, also dem wissenschaftlichen Status quo auf den ersten Blick wenig Sinn ergeben. Daher ist es sehr wichtig, im Experiment genau zu beobachten und für unerwartete Ergebnisse offen zu sein – gerade das Gehirn ist oftmals zu komplex für unsere Hypothesen.

Können Sie uns ein Beispiel für gelungene Translation nennen?

Es gibt viele tolle Studien, die ich vielversprechend und interessant finde. Ein aktuell sehr spannendes Thema sind beispielsweise Autoimmunerkrankungen des Nervensystems. Es hat sich herausgestellt, dass viele Menschen mit Psychosen und Gedächtnisstörungen eigentlich an autoimmunvermittelten Entzündungen leiden. Hierbei spielen bestimmte Antikörper eine große Rolle, die bestimmte Andockstellen im Gehirn – die sogenannten NMDA-Rezeptoren – zerstören. Aktuell untersuchen wir in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen die pathophysiologischen Veränderungen, die durch diese Antikörper vermittelt werden. Sollten die Antikörper tatsächlich an der Entstehung des Krankheitsbildes beteiligt sein, könnten sich neue Behandlungsoptionen eröffnen, beispielweise könnte man die Entzündungen eindämmen. Auch im Bereich der Schlaganfallforschung und bei der Tiefenhirnstimulation zur Behandlung von Bewegungsstörungen gibt es bereits große Erfolge, wo die Translation aus der Grundlagenforschung geglückt ist.

Die Fragen stellte Linda Faye Tidwell.