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Archäologin der Schriftkultur

Die Arabistin Beatrice Gründler von der Freien Universität spricht sich für einen differenzierten Diskurs über die arabisch-islamische Kultur aus. Für ihre Forschung wurde sie mit dem Leibniz-Preis 2017 ausgezeichnet.

05.10.2017

Die arabischen Fabelsammlung „Kalila und Dimna“ ist weit verbreitet. Das Bild zeigt das Inhaltsverzeichnis einer Ausgabe von Ibn al-Muqaffa’, 1830 kopiert von Ahmad al-Rabbat, dem Besitzer einer Leihbibliothek für populäre arabische Literatur.

Die arabischen Fabelsammlung „Kalila und Dimna“ ist weit verbreitet. Das Bild zeigt das Inhaltsverzeichnis einer Ausgabe von Ibn al-Muqaffa’, 1830 kopiert von Ahmad al-Rabbat, dem Besitzer einer Leihbibliothek für populäre arabische Literatur.
Bildquelle: Staatsbibliothek zu Berlin, MS Wetzstein II 672 fol. 13v (ToC pt. 1, rechte Seite) und fol. 14r (ToC pt. 3, linke Seite)

„Ich bin an der Grenze zu Frankreich aufgewachsen, in einem ganz kleinen Ort mit Binnenhafen“, setzt Beatrice Gründler zu einer Erklärung für ihre Sprachleidenschaft im Allgemeinen und das Arabische im Besonderen an. „In meinem Heimatort gab es Ausländer aller Couleur, Sprachen zu lernen hatte etwas sehr Reales. Und ich entdeckte, dass, wer mehrere Sprachen spricht, in jeder Sprache eine andere Persönlichkeit entwickelt.“ Zudem habe ihr Vater, ein Graphiker, ihr dabei geholfen, ein Auge für Schriften, Sprachen und deren inhärente ästhetische Eigenschaften zu entwickeln, sagt die Professorin. Im Rahmen ihres Studiums der Orientalistik und Semitistik in Straßburg, Tübingen, Kairo und an der Harvard Universität versenkte sie sich in alte Schriften, lernte Keilschrift. „Ich war da wie ein Kind im Süßwarenladen.“

Mit 15 Jahren kauft sie von ihrem Ersparten im Antiquariat ein Buch, mit dessen Hilfe sie die Welt der Hieroglyphen erkundet. Über Wochen und Monate studiert Beatrice Gründler die fremdartigen Zeichen, begeistert sich für die kunstvollen Illustrationen, erkennt, dass „Bild, Schrift und Kultur eigentlich eine Einheit sind“. Weist man sie auf das Ungewöhnliche dieses biographischen Details hin, lächelt die Professorin für Arabistik, zieht eilig das nächste Buch aus dem Schrank, mit dem sie sich selbst das Arabische beibrachte, und macht voller Enthusiasmus auf die unterschiedliche Ästhetik der beiden Schriftsysteme aufmerksam: den bildhaften Charakter und die wohlgestaltete Rätselhaftigkeit der Hieroglyphen im Vergleich zur minimalistischen Eleganz und Effizienz des arabischen Alphabets.

Enthusiasmus für Schrift und Sprachen

Knapp 40 Jahre nach den ersten Gehversuchen in der arabischen Sprache scheint Gründlers ursprüngliche Begeisterung für Schrift, Sprache und ihren historisch-kulturellen Hintergrund immer noch genauso groß zu sein. An der Freien Universität, an der Beatrice Gründler – nach 27 Jahren in Amerika – lehrt und forscht, hat sie eine Professur für Arabistik inne. Zudem ist sie Studienleiterin an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies und an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien, betreut Doktorarbeiten, lädt Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland nach Berlin ein und initiiert gemeinsame Forschungsprojekte. Gründlers Energie scheint unerschöpflich, ihr Enthusiasmus treibt den interdisziplinären Austausch voran. Für ihre Forschung „Zur Vielstimmigkeit der arabischen Literatur“ wurde ihr in diesem Jahr der mit 2,5 Millionen Euro dotierte Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen – eine der höchsten Auszeichnungen im europäischen Wissenschaftsbetrieb.

Die Aufgabe ihres Faches sieht Gründler unter anderem darin, zum öffentlichen Diskurs beizutragen und Expertenwissen zu liefern. „Es freut mich, dass wir Arabisten helfen können, die arabisch-islamische Kultur im öffentlichen Diskurs nuancierter zu betrachten und mehr Wissen darüber zu vermitteln.“ Die Berichterstattung über den Islam, die in den vergangenen Jahren stark zugenommen habe, empfinde sie als relativ ausgewogen. „Nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001 liefen uns die Studierenden quasi die Türen ein, das öffentliche Interesse war so groß geworden. Oft fehlt es allerdings an Fachwissen über das Krisengesteuerte hinaus. Da muss man die Gelegenheit nutzen, um das Wort zu ergreifen“, sagt die Arabistin.

Den Weg der Manuskripte nachvollziehen

Für ihre Forschung über arabische Schriften wurde Beatrice Gründler unter anderem mit dem Leibniz-Preis 2017 ausgezeichnet.

Für ihre Forschung über arabische Schriften wurde Beatrice Gründler unter anderem mit dem Leibniz-Preis 2017 ausgezeichnet.
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Zurzeit befasst sie sich mit der über ihre arabische Fassung weltweit verbreiteten Fabelsammlung „Kalila und Dimna“, unterstützt durch einen im selben Jahr eingeworbenen Advanced Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC). „Eine historisch-kritische Ausgabe der Sammlung herauszugeben, ist für mich ein echtes Herzensprojekt“, sagt die Wissenschaftlerin. Jeder ihrer Kollegen aus der Arabistik und den Islamwissenschaften kenne die Fabeln, die ursprünglich zur moralischen Erziehung künftiger Herrscher gedacht waren. In den Fabeln leeren erzürnte Gattinnen Reisschüsseln auf Herrscherhäuptern aus, kühlen Berater das Herrschergemüt mit erbaulichen Parabeln und Weisheitssprüchen. Es geht um die Bedeutung von Freundschaft, das richtige Sozialverhalten, aber auch um politische Taktik. „Heute noch faszinieren diese Geschichten. In Einführungskursen lernen die Studierenden mit Hilfe von ‚Kalila und Dimna’ Arabisch und kommen sofort über seine zwischenmenschlichen Inhalte ins Gespräch“, sagt Gründler.

Die Fabelsammlung kann jedoch nicht einem einzelnen Autor zugewiesen werden, sie ist immer wieder von einer Sprache in die nächste übersetzt, inhaltlich ergänzt und adaptiert worden – ein schier unüberschaubarer Wust aus Manuskripten, die über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren entstanden sind und in unterschiedlichsten Weltregionen kursierten. „Im Laufe seiner langen Geschichte hat sich der Text sehr gewandelt,“ sagt Gründler. „Die Fabeln liegen in vielen verschiedenen Versionen vor und die jeweiligen Übersetzer und Kopisten haben sich als kreativ denkende Redaktoren selbst in die Texte eingeschrieben. Sie stehen eigentlich in Konkurrenz zum Autor, sind heimliche Mitautoren.“

Darstellung der relativen Ähnlichkeit von einigen arabischen Manuskripten des Werks.

Darstellung der relativen Ähnlichkeit von einigen arabischen Manuskripten des Werks.
Bildquelle: Mahmoud Kozae

Unterstützung durch Fördermittel

Den Weg der Manuskripte, ihrer Übersetzungen und inhaltlichen Veränderungen nachzuvollziehen ist eine Mammutaufgabe. Ihren Ursprung nahm die Textsammlung im 3. Jahrhundert, sie kam von Indien über den mittleren Osten bis nach Europa.Unter Verwendung von auf Sanskrit verfassten Quellen wurde „Kalila und Dimna“ zunächst im Mittelpersischen verfasst und dann im 8. Jahrhundert ins Arabische übersetzt. Davon sind seit dem 9. Jahrhundert Fragmente in Form von Zitaten überliefert. Mit dem 11. Jahrhundert beginnen die Übersetzungen in europäische Sprachen. Aus dem 13. Jahrhundert schließlich datieren die ersten vollständigen Handschriften in der Weltsprache Arabisch. Aus dem Arabischen stammen alle späteren Fassungen, wie die hebräische, lateinische und deutsche. „Um das adäquat zu untersuchen, muss man die Fachgrenzen der Arabistik hinter sich lassen und interdisziplinär mit Expertinnen und Experten aus vielen verschiedenen Disziplinen zusammenarbeiten.“ Auch in dieser Hinsicht seien der ERC-Grant und der Leibniz-Preis ein Segen, sagt Beatrice Gründler, denn ohne die Fördermittel wäre das komplexe Projekt nicht zu stemmen gewesen.

„Das Arabische ist wie ein Rhizom, an dessen Enden alle möglichen Sprachen sitzen“, sagt Gründler und unterstreicht damit die Mittlerfunktion, die der arabische Kulturraum und seine Sprache in Hinblick auf internationalen Austausch und Kulturkontakt eingenommen haben. „‚Kalila und Dimna’ ist nur ein Beispiel dafür, wie interessiert man im arabischen Sprachraum an anderen Kulturen war. Auch dass hier verschiedene Varianten einer Erzählung innerhalb eines Werks nebeneinandergestellt werden, ist kein Einzelfall, sondern der Standard der damaligen Zeit.“

„Eine kleine Mediengeschichte der arabischen Texttradition“

Dass die Fabelsammlung über einen so langen Zeitraum überlebte und rund 100 arabischsprachige Manuskripte aus der Periode zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert vorliegen, ermöglicht es Gründler und ihren Mitstreitern, verschiedene kulturelle Prozesse im Detail nachzuvollziehen. „Dieses Projekt ist wie eine kleine Mediengeschichte der arabischen Texttradition, die verschiedene Sprachebenen und Leserkreise verbindet. Das Werk scheint einzigartig, enthüllt aber Phänomene und wirft Fragen auf, die breitere Auswirkungen haben.“ Problemlos könne sie das Preisgeld des ERC-Grants und des Leibniz-Preises noch einmal ausgeben, lacht Gründler, denn zwischen „Kalila und Dimna“, dem aktuellen politischen Diskurs, der Geschichte der Buchkunst, arabischer Literatur, dem Arabischen als Weltsprache und dem Islam als gesellschaftlichem Phänomen, das sich über die Jahrhunderte verändert und ausdifferenziert, sind die Forschungsfragen so vielfältig, dass der Wissenschaftlerin die Themen bis auf Weiteres nicht ausgehen werden.