Vielfalt kritisch beleuchten

Die Kunsthistorikerin Wendy Shaw untersucht an der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies Ausprägungen des Islam im Wandel der Zeiten.

15.06.2017

Die Kunsthistorikerin Wendy Shaw über die Arbeit der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies: „Wir bemühen uns darum, die enorme Vielfalt und historische Veränderlichkeit des Islams sichtbar zu machen.“

Die Kunsthistorikerin Wendy Shaw über die Arbeit der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies: „Wir bemühen uns darum, die enorme Vielfalt und historische Veränderlichkeit des Islams sichtbar zu machen.“
Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Ob Leitkulturdebatte, Terrorismus oder Geschlechterbilder im Kulturvergleich – das Ringen darum, was Modernität bedeutet und wie der Islam dazu steht, prägt die öffentliche Diskussion in Deutschland. Aus Sicht westlich orientierter Kulturen wird der Islam oft als Religion und Lebensweise von Minderheiten verstanden oder sogar zum Feind einer liberalen und säkularisierten Gesellschaftsordnung dargestellt. Für einen differenzierten Blick auf das, was der Islam ist und was islamisch im Wandel der Zeiten und in verschiedenen Gesellschaften bedeutet, tritt die Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies (BGSMCS) ein. Im Rahmen eines dreijährigen Studienprogramms von Freier Universität mit der Humboldt-Universität und dem Zentrum Moderner Orient in Berlin setzen sich Doktorandinnen und Doktoranden hier mit der Vielfalt und Veränderlichkeit islamisch geprägter Gesellschaften und Kulturen auseinander.

„Eine einzigartige Einrichtung in ihrer interdisziplinären und multiethnischen Ausrichtung“

„Häufig wird impliziert, der Islam sei etwas Fertiges und dass sich abschließend klären lasse, was der Islam ist“, sagt Wendy Shaw. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des BGSMCS begriffen dagegen den Islam als etwas stets Unabgeschlossenes, das immer wieder neu verhandelt werden müsse. „Wir bemühen uns darum, die enorme Vielfalt und historische Veränderlichkeit des Islams sichtbar zu machen.“ Shaw, Professorin für Kunstgeschichte islamischer Kulturen, unterrichtet seit 2014 am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin und lehrt als Wissenschaftlerin an der BGSMCS. Nach dem Studium in den USA und Anstellungen in Ohio, in der Türkei und in der Schweiz zog es die Forscherin nach Berlin an die Freie Universität. „Die Graduiertenschule ist eine einzigartige Einrichtung in ihrer interdisziplinären und multiethnischen Ausrichtung“, sagt Shaw. „Hier kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kontexten und Ländern zusammen und beschäftigen sich mit dem Islam in seiner Transkulturalität und regionalen Unterschiedlichkeit. Wir haben Studierende aus Mexiko, Nigeria, Indien, der Türkei, Holland und Pakistan. Das empfinde ich persönlich als eine große Bereicherung.“

Graduiertenschulen

Diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Bandbreite an Themen, mit denen sich Doktorandinnen und Doktoranden an der Graduiertenschule auseinandersetzen: Sie reicht vom türkischen Sufismus über Geschlechtervorstellungen in Zentralasien bis zum nationalen jemenitischen Selbstverständnis und dem Verhältnis der iranischen Filmindustrie zu internationalen Filmfestivals. Zu den an der BGSCMS vertretenen Fächern zählen neben der Islamwissenschaft und der Sozial- und Kulturanthropologie unter anderem auch die Politikwissenschaft und die Kunstgeschichte. „Uns ist es ein Anliegen, dem Facettenreichtum des Phänomens Islam gerecht zu werden. In unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Gesellschaften wird stets etwas anderes darunter verstanden“, erläutert Shaw. Der Islam werde von den Forscherinnen und Forschern somit nicht nur als religiöses, sondern vor allem auch als kulturelles Phänomen verstanden, das sich unterschiedlich auf das Selbstverständnis von Muslimen und muslimisch geprägten Gesellschaften auswirke.

Für ein neues Verständnis davon, was islamisch ist und sein kann

Ein differenziertes Verständnis eines so komplexen Untersuchungsgegenstandes wie des Islam erfordere vielfältige Betrachtungsweisen, sagt Shaw. Die jeweilige Perspektive wirke sich entscheidend auf die Wahrnehmung so unterschiedlicher Themen wie Kunst, Recht oder Geschlechterbild aus. „Beispielsweise gibt es so etwas wie ‚islamische Kunst‘ in der Türkei gar nicht. Dafür würde man dort mit dem Blick nach Westen vielleicht von ‚christlicher Kunst‘ sprechen, die hierzulande wiederum einfach nur als ‚Kunst‘ gilt.“

Die große Vielfalt der an der BGSMCS bearbeiteten Themen verdanke sich vor allem auch der guten interdisziplinären Zusammenarbeit der beteiligten Einrichtungen, sagt Shaw. So profitierten Doktorandinnen und Doktoranden von der Expertise am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin, vom Fachwissen der außeruniversitären Forschungseinrichtung Zentrum Moderner Orient und den politikwissenschaftlichen und kunsthistorischen Ansätzen an der Freien Universität. „In der Graduiertenschule gibt es keine klar abgesteckten Fächergrenzen, sondern es treffen unterschiedliche Ansätze und Perspektiven aufeinander. Damit wird ein selbstreferenzieller Diskurs verhindert – zugunsten eines neuen Verständnisses davon, was islamisch ist und sein kann.“