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Weltrevolution auf engstem Raum

Metropolen wandeln sich ständig, rasant und radikal. Damit sind sie seit 200 Jahren Vorreiter der Globalisierung – und Thema eines internationalen Graduiertenkollegs mit Berliner Wurzeln.

13.06.2017

Metropolen wie Tokio wandeln sich ständig, rasant und radikal. Ein internationales Graduiertenkolleg mit Berliner Wurzeln befasst sich mit allen relevanten Themenfeldern der interdisziplinären Stadtforschung.

Metropolen wie Tokio wandeln sich ständig, rasant und radikal. Ein internationales Graduiertenkolleg mit Berliner Wurzeln befasst sich mit allen relevanten Themenfeldern der interdisziplinären Stadtforschung.
Bildquelle: Bernhard Friess, flickr.comCC BY-ND 2.0

Vor dem Krieg befand sich am Potsdamer Platz die verkehrsreichste Kreuzung Europas samt verruchtem Nachtleben. Nach 1945 blieb nur eine riesige Brache, ab 1961 von der Berliner Mauer durchtrennt. Bereits vor der Wiedervereinigung sorgte der nicht genehmigte Polenmarkt an der Schnittstelle von Ost und West für neues Leben – und für Auseinandersetzungen. Auf dem riesigen Markt wurden T-Shirts, polnische Würste, eingelegte Pilze, Kristall, Zigaretten, Schnaps und noch vieles mehr verkauft. Ende der 1990er Jahre entstand am Potsdamer Platz ein völlig neues Stadtquartier: Heute residieren in den Neubauten internationale Konzerne, auf den Straßen flanieren Touristen aus aller Welt zwischen Kinos, Hotels und Shoppingmalls. Die wilden Ecken der Stadt sind woanders.

„Berlin hat sich in den vergangenen 200 Jahren immer wieder rasant und radikal gewandelt und war damit einer der Vorreiter sowie Antreiber gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen“, sagt Alexander Nützenadel, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und Co-Sprecher des internationalen Graduiertenkollegs Die Welt in der Stadt: Metropolitanität und Globalisierung vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. „In Berlin verdichtet sich soziale, wirtschaftliche und politische Dynamik auf engem Raum, hier treffen viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen aufeinander, leben mit- und nebeneinander in immer wieder neuen Konstellationen,“ sagt Nützenadel. Das Graduiertenkolleg von Technischer Universität, Humboldt-Universität und Freier Universität wurde ins Leben gerufen, um eine Forschungslücke zu schließen.

Metropolen waren seit der Industrialisierung ein Anziehungspunkt für die Menschen

Seit dem 19. Jahrhundert hat die Industrialisierung die Welt extrem verändert. Diese Revolution begann in den Metropolen Europas und Nordamerikas. In Städten wie Paris, London oder New York ging die Bevölkerungszahl binnen weniger Jahrzehnte in die Millionen. Unzählige Menschen zogen dorthin, wo in Fabriken Arbeiter gebraucht wurden. Im Zuge der Industrialisierung bekam auch die Globalisierung einen ungeheuren Schub. Zunächst ließen Dampfschiffe und Eisenbahnen, später Autos und Flugzeuge die Entfernungen zwischen Ländern und Kontinenten schrumpfen. Knotenpunkte waren und sind die Metropolen. Die sozialwissenschaftliche Stadtforschung untersucht seit Jahren die gegenwärtige Wechselbeziehung zwischen Metropolen und Globalisierung. Demgegenüber haben die meisten Untersuchungen mit Blick auf die Weltgeschichte diesen Zusammenhang nur am Rande thematisiert. Auch die historische Urbanistik hat sich kaum mit den globalen Transformationen seit dem 19. Jahrhundert befasst.

In dem Graduiertenkolleg forschen Doktoranden aus vielen verschiedenen Fachgebieten zu allen relevanten Themenfeldern der interdisziplinären Stadtforschung: Architektur und Städtebau; Migration und Mobilität; Wissen und Kommunikation; Umwelt und Nachhaltigkeit. „Die Berliner Universitäten sind jede für sich in den einzelnen Forschungsbereichen schon gut aufgestellt. Im Graduiertenkolleg werden diese Stärken gebündelt“, sagt Nützenadel.

Die wissenschaftliche Arbeit innerhalb des Graduiertenkollegs, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, beschränkt sich nicht auf Berlin, Hochschulen in New York und Toronto sind mit eingebunden. „Durch das hervorragende Forschungsnetzwerk des Graduiertenkollegs können wir unseren Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern nicht nur ein interdisziplinäres, sondern gleichzeitig auch ein internationales Arbeitsumfeld bieten, in dem sie inhaltlich wie institutionell transnational forschen können,“ so Nützenadel. „Das Graduiertenkolleg soll dazu beitragen, eine neue Generation von Forschern auszubilden, die gleichermaßen internationale Wissenschaftler wie globale Bürger sind.“

Städte auf allen Kontinenten sind Untersuchungsobjekte der Doktorandinnen und Doktoranden

„Die Zusammenarbeit von Doktorandinnen und Doktoranden aus unterschiedlichen Fächern gibt der Forschung zusätzliche Impulse“, beschreibt Noa Ha ihre Erfahrung. Die Diplom-Ingenieurin hat von 2008 bis 2010 am Transatlantischen Graduiertenkolleg an ihrer Promotion gearbeitet. Aus diesem Netzwerk von Berliner und New Yorker Hochschulen wurde 2012 – mit Toronto im Bunde – das internationale Graduiertenkolleg Die Welt in der Stadt. Ha ist heute wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center for Metropolitan Studies der Technischen Universität Berlin und Koordinatorin des Internationalen Graduiertenkollegs. „Die Arbeit in Gruppen und das Rahmenprogramm mit den Workshops haben meinen fachlichen Horizont bereichert“, sagt Noa Ha. Das Thema ihrer Dissertation streift unter anderem den „Polenmarkt“ am Potsdamer Platz: „Handel(n) und Wandel(n). Urbane Informalität, städtische Repräsentation und migrantische Existenzsicherung in Berlin am Beispiel des mobilen Straßenhandels“ lautet der Titel.

Städte auf allen Kontinenten sind Untersuchungsobjekte der Doktorandinnen und Doktoranden: als Finanz- und Wirtschaftszentren, als politische und soziale Brennkammern. Die junge Forschergemeinde fragt nicht nur danach, wie sich die Dynamik der Metropolen in ihrer Architektur und in der Stadtplanung widerspiegelt. Auch Musik und Film als Ausdruck des Wandels spielen eine Rolle. Das zeigt sich in Publikationen, die sich mit Jazz im Berlin und Paris der 1920er Jahre befassen oder den Wandel New Yorks der 1960er Jahre im Kinofilm spiegeln. Aktuelle Themen wie die Flüchtlingskrise werden im historischen Kontext untersucht, ebenso die Problematik knappen Wohnraums und soziale Konflikte. Sind zeitlich oder räumlich übergreifende Strukturen und Muster erst einmal erkannt, können mit dieser Erkenntnis Lösungen für aktuelle Herausforderungen gefunden werden.