Vom Hörensagen und Wissen

Digitale Netzwerke verändern unseren Alltag und die Gesellschaft. Der universitätenübergreifende Studiengang Medieninformatik untersucht die Schnittstelle von Technik und Sozialem.

13.06.2017

Wie lässt sich die Kommunikation mit Sprachsteuerungssystemen wie Siri und Co. verbessern? Durch Gesichtsroboter lassen sich die Dialoge durch zusätzliche Interaktionen wie Blickkontakt oder Kopfschütteln verbessern.

Wie lässt sich die Kommunikation mit Sprachsteuerungssystemen wie Siri und Co. verbessern? Durch Gesichtsroboter lassen sich die Dialoge durch zusätzliche Interaktionen wie Blickkontakt oder Kopfschütteln verbessern.
Bildquelle: TU Berlin/PR/Oana Popa

Seit einigen Jahren werden immer häufiger Fake News lanciert, um politisch Stimmung zu machen – wie etwa im „Fall Lisa“: das 13-jährige russische Mädchen war Anfang 2016 in Berlin angeblich von Flüchtlingen vergewaltigt worden. Die über soziale Netzwerke verbreitete Lügengeschichte führte zu Demonstrationen empörter Bürger in der Bundeshauptstadt und sogar zu Spannungen zwischen dem russischen und dem deutschen Außenminister. „In solchen Fällen entfalten die neuen technischen Möglichkeiten digitaler Kommunikation ein enormes soziales Konfliktpotenzial“, sagt Martin Emmer, Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität. „Eine große Zahl bisher passiver Leser und Konsumenten wird selbst zu Akteuren, die Nachrichten verbreiten.“ Auf solche Schnittstellen sozialer und technischer Aspekte, die immer größere gesellschaftliche Bedeutung erlangen, zielt das Fach Medieninformatik ab.

Schon seit drei Jahren bieten die Fakultät Elektrotechnik und Informatik der Technischen Universität Berlin und das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin den Bachelorstudiengang Medieninformatik gemeinsam an. Die Studierenden erhalten nach erfolgreichem Abschluss von beiden Universitäten ein Zeugnis.

Die Studieninhalte: Informatik, Technich, Kommunikationswissenschaft und Medienrecht

„Die Nachfrage war von Anfang an groß, und wir haben sehr gute Erfahrungen mit dem neuen Studiengang gemacht“, so Emmer, der den Studiengang gemeinsam mit Elektrotechnik-Professor Sebastian Möller von der Technischen Universität Berlin leitet. In jedem Semester werden 60 Studierende immatrikuliert. Zuletzt, so Emmer, lagen die Bewerbungszahlen mehr als zehnmal so hoch. „Die Logische Konsequenz nach diesem erfolgreichen Start ist, dass wir nun im zweiten Schritt den Master anbieten.“ Neuer Kooperationspartner des Masterprogramms ist die Juristische Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin. Der Studiengang kombiniert Mathematik, Grundlagen der Informatik und Medientechnik mit sozialwissenschaftlichen Zugängen zu medialer Kommunikation. Die Technische Universität Berlin ist dabei für den Informatik- und Technikanteil zuständig, die Freie Universität für die kommunikations- und wirtschaftswissenschaftlichen Inhalte, die Humboldt Universität vermittelt die Inhalte zum Medienrecht rund um Themen wie zum Beispiel gewerblicher Rechtsschutz, Lizenzverträge und Persönlichkeitsrechte. Auch an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf können Kurse belegt werden.

Lernen mit interaktiven Medien: Studierende des Studiengangs Medieninformatik veranschaulichen den Prozess des Hörens mit einem Modell vom Ohr.

Lernen mit interaktiven Medien: Studierende des Studiengangs Medieninformatik veranschaulichen den Prozess des Hörens mit einem Modell vom Ohr.
Bildquelle: TU Berlin/PR/Oana Popa

„Besonderheit der Berliner Medieninformatik ist die starke Integration sozialwissenschaftlich-analytischer Anteile in das Studium“, erläutert Emmer. „Das heißt, über die gesamte Studiendauer wechseln sich der Erwerb technikbezogener und kommunikations- und gesellschaftsbezogener Kenntnisse und Fähigkeiten ab, wobei sämtliche Lehrangebote eng miteinander verknüpft sind.“ Dies befähige die Studierenden, digitale Medienanwendungen nicht nur zu entwickeln und umzusetzen, sondern ihre Auswirkungen zu analysieren und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Die Vermittlung zentraler Fähigkeiten wie Projektmanagement oder Teamarbeit steht ebenfalls auf dem Stundenplan. Hinzu kommt, dass es beste internationale Beziehungen und Austauschprogramme an den drei Universitäten dem akademischen Nachwuchs ermöglichen, einen Auslandsaufenthalt ins Studium zu integrieren, der den Horizont nochmals erweitert. „Wir waren positiv überrascht, wie viel Vorwissen die Studierenden schon ins erste Semester mitbringen, viele haben bereits zu Schulzeiten aus Spaß programmiert“, sagt Emmer. „Entsprechend anspruchsvoll waren dann auch viele Projekte, die von den Studierenden im letzten Semester vor dem Bachelor-Abschluss erstellt wurden.“

Eigene Forschungsprojekt entwickeln

Tomasz Tkaczyk etwa studiert im sechsten Semester Medieninformatik und nimmt in einem Forschungsprojekt mit seinen Kommilitonen Fake News ins Visier: „Es gibt in Deutschland zwar schon eine wachsende Fact-Checking-Community, die Gerüchte im Internet aufdeckt“, sagt Tkaczyk. „Was aber noch fehlt, ist eine einfache Möglichkeit, die Verbreitung von Fake News nachzuvollziehen – und da setzen wir an.“ Seine Gruppe an der Arbeitsstelle Journalistik der Freien Universität entwickelt mit Unterstützung des Kommunikationswissenschaftlers Christoph Raetzsch ein Tool, das vor allem Journalisten nutzen könnten, aber auch Politiker und andere gesellschaftliche Akteure interessieren dürfte: www.fakenewsgraph.de soll beantworten, wer Fake News initiiert hat und über wen sie weiterverbreitet wurden. Objekt der Untersuchung sind Daten von Twitter.

Das Projekt „Fake News Graph Analysis“ zieht seine Kreise bereits außerhalb des Campus. Am 1. Juni 2017 präsentierte Tkaczyks Arbeitsgruppe ihre Entwicklung auf der Konferenz #DisruptPopulism in Berlin. Dort wetteiferten 15 Teams aus fünf Ländern um einen mit 15.000 Euro dotierten Preis. „Wir haben zwar nicht gewonnen, aber ein tolles Feedback bekommen, um weiterzumachen“, sagt Tkaczyk, der sich nun für den Master-Studiengang bewirbt. Sein Fazit: „Doktor Christoph Raetzsch von der Arbeitsstelle Journalistik der Freien Universität hat uns zum richtigen Zeitpunkt auf die richtige Idee gebracht, uns enorm motiviert, und die Gruppe hat wirklich gut zusammengearbeitet – ich habe dabei viel gelernt.“

Nach dem Masterstudium stehen den Studierenden viele Berufswege offen. Sie können etwa in Unternehmen der neuen digitalen Wirtschaft arbeiten, aber auch in traditionellen Branchen, wo ebenfalls zunehmend digitale Medienkompetenzen benötigt werden, wie etwa bei Rundfunkanstalten oder in der Automobilindustrie. „Auch in der Wissenschaft sind Leute mit solcher Expertise gefragt“, betont Emmer. „Big Data zum Beispiel ist ein großes Zukunftsthema in der Forschung.“

Der Weg von der Medieninformatik zu anderen Arbeitsbereichen rund um das Thema Digitalisierung ist in Berlin nicht weit. So wurde Anfang April in der Wilhelmstraße das Einstein Center Digital Future eröffnet. Dort werden 50 neue Professuren im Kernbereich Digitale Infrastruktur, Methoden und Algorithmen sowie in den Innovationsbereichen Digitale Gesundheit, Digitale Gesellschaft und Geisteswissenschaften sowie Digitale Industrie und Dienstleistungen eingerichtet. Hinzu kommt nun auch das Deutsche Internet-Institut, das in der Bundeshauptstadt errichtet werden soll und vom Bundesforschungsministerium in den ersten fünf Jahren mit bis zu 50 Millionen Euro gefördert werden wird. „Die wissenschaftlichen Akteure hier in der Stadt bilden in diesem Themenspektrum ein spannendes Cluster“, sagt Emmer. „Das macht Berlin in der Forschung rund um Digitalisierung zum Vorreiter.“