„Wir erforschen das Internet wie andere die Natur“

Florian Tschorsch besetzt die erste von 50 Professuren am neugegründeten Einstein Center Digital Future.

16.06.2017

Der erste Professor am neu gegründeten Einstein Center Digital Future, Florian Tschorsch.

Der erste Professor am neu gegründeten Einstein Center Digital Future, Florian Tschorsch.
Bildquelle: Studio Monbijou

„Informatik ist häufig fokussiert auf technische Aspekte, Informationstechnologie wirkt aber weit darüber hinaus“, sagt Florian Tschorsch. Der 31-jährige Informatiker ist der erste ernannte Professor des neuen Einstein Center Digital Future (ECDF), das im April dieses Jahres eröffnet wurde und in dem sich Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Fachrichtungen mit Fragen der Digitalisierung befassen werden. „Mir ist wichtig, mich mit Themen auseinanderzusetzen, die von gesamtgesellschaftlicher Relevanz sind und dabei nicht nur die technischen Voraussetzungen, sondern auch die Wirkungen im Blick haben“, sagt der Wissenschaftler, der von der Technischen Universitäten Berlin berufen wurde. Eine verantwortungsbewusste Informatik müsse sich komplexer gesellschaftlicher Wechselwirkungen bewusst sein und außer nach der technischen Machbarkeit auch nach den Konsequenzen ihres Handelns fragen.

In diesem Auftrag sieht sich auch das mit 38,5 Millionen Euro ausgestattete ECDF, das in der Berliner Wilhelmstraße als Teil des Robert-Koch-Forums angesiedelt ist. Das Center wurde durch eine gemeinschaftliche Anstrengung der Berliner Universitäten aus der Taufe gehoben, acht außeruniversitäre Partner sind beteiligt. Im Rahmen seiner Professur für Distributed Security Infrastructures (DSI) wird sich Florian Tschorsch unter anderem mit Systemen wie Tor, einem Netzwerk zur Anonymisierung von Verbindungsdaten, und der Online-Währung Bitcoin auseinandersetzen.

„Es ist unmöglich, ein Rezept für die Sicherheit im Netz zu liefern“

Tschorsch studierte Informatik und Kulturwissenschaften in Düsseldorf und wurde im vergangenen Jahr an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Das Thema seiner Arbeit: die anonymisierte Internetkommunikation, die im Tor-Netzwerk zur Anwendung kommt. „Das Tor-Netzwerk ermöglicht Benutzern, sich möglichst anonym im Netz zu bewegen,“ erläutert der Wissenschaftler. Tor wird unter anderem von Whistleblowern oder Journalistinnen und Journalisten dafür genutzt, Informationen weiterzugeben, ohne dass Dritte davon Kenntnis erhalten. „Wenn man sicher surfen will, entsteht immer ein Spannungsfeld aus rivalisierenden und an sich widersprüchlichen Anforderungen“, sagt Tschorsch. Einerseits wolle man, dass Seiten schnell laden, andererseits die Sicherheit gewährleisten und die Privatsphäre schützen. Mit diesem Spannungsfeld wird sich Tschorsch im kommenden Semester im Rahmen einer Vorlesung an der Technischen Universität zur Netzwerksicherheit weiter auseinandersetzen. „Es ist unmöglich, ein Rezept für die Sicherheit im Netz zu liefern. Wir müssen uns mit den Grenzen des Schutzes auseinandersetzen und lernen, wie wir die Sicherheitslücken bestmöglich analysieren. Kein System ist wasserdicht.“

Gemeinsam im Verbund

Tschorsch und seine Kolleginnen und Kollegen am Einstein Center Digital Future versprechen sich von dem zunächst auf sechs Jahre angelegten Projekt unter anderem Erkenntnisse darüber, wie sich die Digitalisierung entwickelt, wie sie funktioniert und welche Folgen sich aus ihr ergeben. Ergebnisse wollen sie verstärkt auch in die Öffentlichkeit tragen. Dass hier Kommunikationsbedarf besteht, zeigt sich für Florian Tschorsch an Beispielen wie den Enthüllungen vom ehemaligen Mitarbeiter des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA Edward Snowden über die weltweiten Spionagepraktiken. „Die Überwachungsstrukturen, die Snowden aufdeckte, waren im Hinblick auf ihre technische Machbarkeit keine Überraschung“, sagt Tschorsch. „Überraschend war eher, wie systematisch und in welchem Ausmaß überwacht wurde, dass da im Hintergrund eine ganze Überwachungsindustrie tätig ist.“ Hier zeige sich, dass Menschen digitale Technik verwendeten, ohne dass deren genaue Funktionsweise und die Risiken allgemein bekannt wären. Es gelte daher, den Dialog zwischen Forscherinnen und Forschern und den Menschen, die die Techniken anwendeten, zu stärken. Perspektivisch will Tschorsch das Einstein Center Digital Future als Angebot für Interessierte etablieren, die sich hier über Prozesse der Digitalisierung und ihre Implikationen informieren können. „Mir ist wichtig, die interessierte Öffentlichkeit bald auch im Rahmen von Vorträgen und öffentlichen Veranstaltungen an unseren Ergebnissen teilhaben zu lassen.“

Das Internet: Komplex wie ein Ökosystem

Selbst in der Informatik sei man sich nicht ganz sicher, wie das Internet funktioniere, sagt Florian Tschorsch und lacht. Das Netzwerk bestehe aus so vielen Einzelkomponenten, dass deren Zusammenwirken schwer vorherzusagen sei. Als Beispiel nennt der Wissenschaftler das Phänomen des sogenannten Internetrauschens. „Das Internet kann man sich vorstellen wie ein Post-System: Absender A packt ein Paket mit Informationen, adressiert es und sendet es an Empfänger B.“ Wenn dabei etwas schiefgehe und das Paket nicht ausgeliefert werden könne, sollte es aufgrund einer eingebauten zeitlichen Auslieferungsbeschränkung von selbst verschwinden, sagt Tschorsch. „Wir beobachten aber, dass Pakete trotzdem kursieren, obwohl kein Empfänger vorhanden ist. Warum das passiert und warum sozusagen Kommunikationsversuche stattfinden, obgleich niemand mehr kommuniziert, darüber ist bisher wenig bekannt“ 

So ergäben sich bei der Forschung zum Internet letztlich ähnliche Problemstellungen wie in der Forschung zu komplexen natürlichen Strukturen wie Zellen oder Ökosystemen. „Man entwickelt eine These, entwirft Experimente und führt Messungen durch. Und die Ergebnisse sind oft überraschend. Wir erforschen das Internet wie andere die Natur erforschen.“

Dass das ECDF als Großprojekt angelegt ist und dabei in einer sogenannten Public-Private-Partnership aus öffentlichen und privaten Geldern finanziert wird, sieht Florian Tschorsch als große Chance. Geldgeber wie die Bundesdruckerei und die Berliner Wasserwerke hätten keinen Einfluss auf die Forschung. Durch die Partnerschaften sei jedoch der Austausch zwischen Forschung und Anwendung erleichtert. „Das ermöglicht uns, neue Forschungsfragen aus der Praxis abzuleiten und Forschung zu betreiben, die an tatsächlich auftretenden Problemen ansetzt.“